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Immersive Analytics und Credit Ratings
Von Dr. Oliver Everling | 12.Juni 2026
Das Buch „Immersive Analytics“ (ISBN 978-3-030-01388-2) gilt als eines der grundlegenden Werke auf diesem noch jungen Forschungsgebiet und beschreibt die Vision, moderne Datenanalyse durch Virtual Reality, Augmented Reality und andere immersive Technologien grundlegend weiterzuentwickeln.
Immersive Analytics und Credit Ratings haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Während sich Credit Ratings mit der Bewertung der Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen oder Finanzinstrumenten befassen, beschäftigt sich Immersive Analytics mit neuen Formen der Datenanalyse unter Einsatz von Virtual Reality, Augmented Reality und anderen interaktiven Technologien. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass beide Bereiche durch eine gemeinsame Herausforderung miteinander verbunden sind: die Verarbeitung immer größerer und komplexerer Datenmengen zur Unterstützung fundierter Entscheidungen.
Die Ratingbranche steht seit Jahren vor einem stetigen Anstieg der verfügbaren Informationen. Ratinganalysten müssen nicht nur Finanzkennzahlen auswerten, sondern auch makroökonomische Entwicklungen, geopolitische Risiken, regulatorische Veränderungen, Nachhaltigkeitsaspekte und branchenspezifische Trends berücksichtigen. Die Menge an Daten übersteigt dabei häufig die Fähigkeit einzelner Analysten, sämtliche Zusammenhänge intuitiv zu erfassen. Genau an diesem Punkt setzt die Idee der Immersive Analytics an. Sie entstand aus der Erkenntnis, dass die „amount and complexity of data available to us far surpass our ability to understand or to utilise them in decision-making“. Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, komplexe Informationen besser zu verstehen und in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Traditionell erfolgt die Analyse von Rating-relevanten Daten auf Desktop-Computern mithilfe von Tabellen, Diagrammen und Berichten. Die Autoren des grundlegenden Werkes zur Immersive Analytics weisen jedoch darauf hin, dass „the affordances of the display and input devices used for analysing data strongly affect the experience of the users of such systems and, thereby, their degree of engagement and productivity“. Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass die Art der Datenpräsentation einen direkten Einfluss auf die Qualität der Analyse haben kann. Wenn Risiken, Abhängigkeiten und Szenarien räumlich visualisiert und interaktiv erkundet werden können, lassen sich möglicherweise Muster erkennen, die in klassischen Darstellungen verborgen bleiben.
Besonders interessant ist dies bei der Analyse komplexer Unternehmensgruppen oder globaler Lieferketten. Kreditrisiken entstehen häufig nicht isoliert, sondern durch ein Netzwerk von Beziehungen zwischen Tochtergesellschaften, Banken, Zulieferern, Kunden und staatlichen Institutionen. Immersive Analytics könnte es Analysten ermöglichen, diese Beziehungen in dreidimensionalen Umgebungen zu betrachten und verschiedene Stressszenarien in Echtzeit zu simulieren. Die Auswirkungen einer Rezession, eines geopolitischen Konflikts oder eines Anstiegs der Finanzierungskosten könnten unmittelbar sichtbar gemacht werden. Dadurch würde die Analyse nicht nur effizienter, sondern auch intuitiver.
Ein weiterer Berührungspunkt liegt in der Zusammenarbeit von Experten. Ratingentscheidungen werden selten von einzelnen Personen getroffen. Vielmehr arbeiten Teams aus Branchenexperten, Volkswirten und Kreditanalysten zusammen. Die Vision der Immersive Analytics besteht darin, „barriers between people, their data, and the tools they use for analysis“ zu beseitigen und Analysewerkzeuge zu entwickeln, die „support data understanding and decision-making everywhere and by everyone, either working individually or collaboratively“. Für Ratingagenturen könnte dies bedeuten, dass internationale Analystenteams gemeinsam in virtuellen Datenräumen arbeiten, Risiken diskutieren und unterschiedliche Annahmen unmittelbar visualisieren.
Auch die zunehmende Bedeutung von künstlicher Intelligenz verstärkt die Relevanz dieser Entwicklung. Moderne Ratingmodelle generieren immer komplexere Ergebnisse, deren Nachvollziehbarkeit eine zentrale Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit von Ratings bleibt. Immersive Analytics kann dazu beitragen, die Ergebnisse algorithmischer Modelle transparenter zu machen. Statt lediglich eine Kennzahl oder eine Ratingnote zu präsentieren, könnten Analysten die zugrunde liegenden Einflussfaktoren und deren Wechselwirkungen visuell erkunden. Dies würde die Transparenz gegenüber Investoren, Aufsichtsbehörden und Emittenten erhöhen.
Langfristig könnte Immersive Analytics die Arbeitsweise von Ratingagenturen ähnlich stark verändern, wie die Einführung digitaler Datenbanken oder moderner Analyseplattformen in der Vergangenheit. Die Verbindung aus menschlicher Expertise, leistungsfähigen Algorithmen und immersiven Visualisierungstechnologien eröffnet neue Möglichkeiten, komplexe Kreditrisiken besser zu verstehen und fundiertere Entscheidungen zu treffen. In einer Welt, in der die verfügbaren Datenmengen weiter exponentiell wachsen, könnte gerade diese Fähigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Ratingagenturen und andere Akteure der Finanzmärkte werden.
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