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Raumlose Startup-Strategie der Bundesregierung
Von Dr. Oliver Everling | 18.August 2026
Die Bundesregierung will Deutschland zum Standort für die nächste Generation erfolgreicher Startups und Scaleups machen. Ihre am 22. Juli 2026 beschlossene Startup- und Scaleup-Strategie umfasst rund 150 Maßnahmen und soll Gründungen erleichtern, Wachstum beschleunigen und Innovationen in Deutschland halten. Das Bundeswirtschaftsministerium bezeichnet Startups und Scaleups ausdrücklich als „wichtige Treiber für Innovation und Fortschritt“ und verweist auf neue Geschäftsmodelle, Technologien und Dienstleistungen.
Gerade vor diesem Hintergrund fällt eine Lücke auf: Die Chancen der Extended-Reality-Technologie werden in der Strategie nicht als eigenständiges Zukunftsfeld sichtbar. Virtual Reality, Augmented Reality, Mixed Reality und immersive 3D-Anwendungen spielen gegenüber Künstlicher Intelligenz, Deeptech, Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien oder anderen strategischen Technologiefeldern keine vergleichbare Rolle.
Das ist nicht nur eine Frage der Terminologie. XR verändert die Art und Weise, wie Menschen Raum und Zeit erleben und mit digitalen Informationen umgehen. Daten werden nicht mehr ausschließlich auf Bildschirmen in Form von Tabellen, Diagrammen und Dokumenten präsentiert, sondern können räumlich angeordnet, betreten, untersucht und gemeinsam bearbeitet werden. Für Industrie, Medizin, Bildung, Architektur, Finanzwirtschaft, Logistik, Training und Vertrieb entstehen dadurch neue Geschäftsmodelle. Anstatt Spatial Computing und den virtuellen Raum zu erschließen, bleibt die Strategie der Bundesregierung „raumlos“.
Die Bundesregierung formuliert in ihrer Strategie den Anspruch, „die nächste Generation deutscher Weltmarktführer“ zu ermöglichen. Genau an diesem Anspruch muss sich die fehlende ausdrückliche Berücksichtigung von XR messen lassen. Wenn Deutschland Zukunftstechnologien nicht nur anwenden, sondern eigene Technologieunternehmen und Weltmarktführer hervorbringen will, reicht es nicht, diejenigen Technologien zu fördern, deren wirtschaftliche Bedeutung bereits am stärksten sichtbar ist.
Bemerkenswert ist insbesondere, dass die Strategie Künstliche Intelligenz ausdrücklich als Beispiel für Zukunftstechnologien nennt. XR wird dagegen nicht in vergleichbarer Weise erkannt. Dabei verstärken sich beide Technologien gegenseitig: KI erzeugt und verarbeitet Informationen, XR schafft neue Räume für deren Wahrnehmung, Interaktion und Zusammenarbeit.
Gerade diese Verbindung eröffnet erhebliche wirtschaftliche Chancen. Ein KI-System kann beispielsweise eine komplexe Unternehmensanalyse erstellen. Eine XR-Anwendung kann diese Analyse anschließend als interaktives 3D-Modell darstellen. Nutzer können Zusammenhänge untersuchen, Szenarien verändern und gemeinsam Entscheidungen treffen. Die Kombination aus KI und XR schafft damit eine neue Mensch-Maschine-Schnittstelle.
Die Startup- und Scaleup-Strategie setzt ausdrücklich auf den Transfer von Forschung in marktfähige Geschäftsmodelle. Genau hier liegt eine besondere Chance für XR. Deutschland verfügt über Forschungskompetenzen in Computer Vision, 3D-Technologie, Robotik, Simulation, Mensch-Maschine-Interaktion und industrieller Digitalisierung. Aus diesen Kompetenzen können Anwendungen entstehen, die weit über Unterhaltung und Gaming hinausgehen.
XR ist längst nicht mehr auf virtuelle Spielewelten beschränkt. In der Industrie können digitale Zwillinge Produktionsanlagen und Maschinen abbilden. In der Medizin können anatomische Strukturen räumlich untersucht werden. In der Ausbildung lassen sich komplexe Situationen simulieren. In der Architektur entstehen begehbare Modelle. Im Immobilienbereich werden Gebäude und Standorte interaktiv erfahrbar. Im Finanzsektor können Portfolios, Unternehmensstrukturen, Beteiligungen und Ratings zu navigierbaren Informationsräumen werden.
Gerade die Finanzwirtschaft zeigt, wie weit das Konzept reichen kann. Data2Space setzt beispielsweise an der Grenze zwischen Datenvisualisierung und immersiver Informationsverarbeitung an. Finanz-, Unternehmens-, Beteiligungs- und Ratingdaten werden nicht nur grafisch dargestellt, sondern räumlich strukturiert und interaktiv erfahrbar gemacht. Damit entsteht eine neue Kategorie digitaler Anwendungen: der Informationsraum.
Die Bundesregierung betont in ihrer Strategie die Bedeutung von Wachstumskapital. Sie will die Finanzierungsbedingungen für Startups und Scaleups insbesondere in der Wachstumsphase verbessern. Für XR-Unternehmen ist genau diese Wachstumsfinanzierung entscheidend, weil erfolgreiche XR-Produkte häufig eine Verbindung aus Software, Hardware, 3D-Inhalten, Plattformtechnologie und branchenspezifischer Expertise benötigen. Die Gefahr besteht deshalb darin, dass XR in Deutschland zwar wissenschaftlich erforscht und punktuell eingesetzt wird, aber keine ausreichende politische und finanzielle Aufmerksamkeit erhält, um daraus skalierbare Unternehmen entstehen zu lassen.
Interessant ist dabei der Kontrast zur Reallaborpolitik der Bundesregierung. Das Bundeswirtschaftsministerium erkennt ausdrücklich an, dass Reallabore in vielen Wirtschaftsbereichen erhebliches Innovationspotenzial besitzen, und will Freiräume schaffen, damit neue Technologien unter realen Bedingungen erprobt werden können. Für XR wären solche Reallabore besonders geeignet.
Ein XR-Reallabor könnte beispielsweise untersuchen, wie virtuelle Arbeitsräume in Unternehmen eingesetzt werden, wie Banken immersive Kundenberatung gestalten, wie Städte digitale Zwillinge nutzen oder wie Finanzinformationen räumlich vermittelt werden. Unternehmen könnten neue Geschäftsmodelle erproben, ohne sofort sämtliche Investitionen und regulatorischen Risiken eines vollständigen Markteintritts tragen zu müssen.
Die Strategie selbst hebt hervor, dass Reallabore „neue Räume zur Beteiligung der Stakeholder“ schaffen. Bei XR bekommt dieser Gedanke eine fast wörtliche Bedeutung: Der digitale Raum wird selbst zum Ort der Beteiligung.
Auch die von der Bundesregierung betonte technologische Souveränität spricht für eine stärkere Beschäftigung mit XR. Wer digitale Souveränität ernst nimmt, sollte nicht nur über KI-Modelle, Cloud-Infrastrukturen und Halbleiter sprechen, sondern auch darüber, wie Menschen künftig digitale Informationen wahrnehmen und mit ihnen interagieren.
Die nächste digitale Plattform muss nicht zwangsläufig ein zweidimensionaler Bildschirm sein. Sie kann ein räumlicher Informationsraum sein.
Hier liegt möglicherweise eine strategische Blindstelle der aktuellen Startup- und Scaleup-Politik. Die Bundesregierung hat erkannt, dass Deutschland neue Technologien schneller aus der Forschung in den Markt bringen muss. Sie hat erkannt, dass Startups Kapital, Talente und bessere regulatorische Rahmenbedingungen benötigen. Sie hat mit rund 150 Maßnahmen ein umfangreiches Programm aufgesetzt. Was noch fehlt, ist ein klarer Blick auf die nächste Ebene der digitalen Interaktion.
XR sollte deshalb nicht als Spezialtechnologie für Gaming oder einzelne Anwendungen betrachtet werden. Es ist eine Basistechnologie für die räumliche Verarbeitung digitaler Informationen. Zusammen mit KI, digitalen Zwillingen, Cloud Computing, Computer Vision und Echtzeitdaten entsteht daraus eine neue digitale Infrastruktur.
Für Deutschland bietet sich hier eine Chance, die über die Entwicklung einzelner Hardwareprodukte hinausgeht. Unternehmen können eigene Anwendungen, Datenräume, Simulationssysteme, Trainingsumgebungen, industrielle Plattformen und immersive Geschäftsmodelle entwickeln.
Die Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung ist deshalb ein wichtiger Schritt für den Innovationsstandort Deutschland. Gerade weil sie den Anspruch erhebt, die Zukunftstechnologien von morgen zu fördern, sollte XR in der weiteren Umsetzung stärker berücksichtigt werden. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Deutschland noch eine weitere Technologie fördern sollte. Die Frage lautet, ob Deutschland rechtzeitig erkennt, dass sich mit XR die Schnittstelle zwischen Mensch, Daten und digitaler Welt grundlegend verändert. Wer diese Entwicklung früh erkennt, entwickelt nicht nur Anwendungen für eine neue Technologie. Er gestaltet die Informationsräume der nächsten digitalen Generation.
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