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Behemoth will kein freies Geld

Von Dr. Oliver Everling | 8.April 2018

Kryptowährungen sind stark schwankende virtuelle Vermögenswerte und noch weit davon entfernt, um dem normalen Verbraucher als Zahlungsmittel zu dienen. Die professionellen Investoren können das Wechselspiel dieser konkurrierenden Kryptowährungen am Computer mit Hilfe der Numerischen Mathematik simulieren. Solange als Ergebnis noch etwas von den Kryptowährungen übrig bleibt und es identifizierbare Gewinner und Verlierer unter diesen Kryptowährungen gibt,“ sieht Udo Schäfer, MA, voraus, „werden Finanzinvestoren mit Hilfe ihrer Mathematiker die Gewinner ermitteln und die virtuellen Werte in bilanzierungsfähige Werte verwandeln.“

Regulierung mache diese Kryptowährungen natürlich erst richtig interessant, denn dann lassen sich die Ergebnisse von solchen Simulationen noch viel besser und näher an der Realität ermitteln. „Der moralische Zeigefinger über die in den Kryptowährungen enthaltene heiße Luft ist unangebracht,“ kritisiert Schäfer, „im Euro ist viel mehr heiße Luft enthalten. Das Schürfen von Kryptowährungen und das Ermitteln der jeweiligen bilanzierungsfähigen Werte kann mit dem Bergbau verglichen werden, auch dort geht es darum, möglichst alles Wertvolle herauszuholen und nichts im Abraum zurückzulassen.“

Die Kryptowährungen selbst sind nicht wieder tot zu kriegen, ist Schäfer überzeugt, auch das Fiatgeld hat schwerste Erschütterungen und riesige Wertverluste seit Jahrhunderten überlebt. Die auch von George Soros ins Feld geführte Analogie der Kryptowährungen zur Tulpenkrise im 17. Jahrhundert trifft nach Ansicht von Schäfer den Sachverhalt nicht: die Tulpenzwiebel sei ein einfaches landwirtschaftliches Produkt, das mit der Komplexität einer Kryptowährung hinsichtlich Entstehung und Verwendung nicht vergleichbar sei.

„Die Erfahrungen mit dem Bergbau zeigen,“ so Schäfer weiter, „dass die neue entstehende Kryptoindustrie sich bereits jetzt um die Entsorgung des Kryptoabraums kümmern muss. Dass z.B. keine Ewigkeitslasten für folgende Generationen entstehen. Das Verhalten der Zentralbanken von China und Indien gegenüber westlichen Kryptowährungen ist durchaus konsequent.“ Die asiatischen Staaten wollen in dem Zukunftsmarkt Kryptowährungen die vorhandene angelsächsische Dominanz zurückdrängen, analysiert Schäfer, um dann selbst mit eigenen regulierten Kryptowährungen auf einen Markt zu treten, den diese Staaten aktiv beeinflussen wollen.

„Manche asiatische Staaten streben nach mehr als Einfluss,“ so Schäfer, „sie wollen die Kontrolle und gleichzeitig hat der Kampf um die besten Ausgangspositionen für mögliche Institutionen rund um die Kryptowährungen schon längst begonnen. Da kommen einige starke Kursschwankungen der Kryptowährungen, die asiatische Aufsichtsbehörden selbst geschaffen haben, gerade recht.“

Zittrige Hände von kurzfristig orientierten Spekulanten brauche man in Asien nicht, dort sei langer Atem gefragt. Welcher Standort wird sich in Asien als tonangebend für den Handel mit Kryptowährungen durchsetzen? „Wir werden mindestens eine bedeutende asiatische Ratingagentur sehen,“ prognostiziert Schäfer, „die rechtzeitig dabei ist. Die Chinesen haben schon lange darauf gewartet, den Finanzinstitutionen in den USA einmal voraus zu sein.“

Die von Sun Guofeng von der chinesischen Zentralbank geforderte Abschaffung des Papiergeldes, bei gleichzeitiger Einführung von tiefen negativen Zinsen, mache jedem klar, dass es hier nicht um mehr Effizienz im Geldverkehr, sondern um einen Baustein zur noch effektiveren Herrschaft über die chinesischen Untertanen gehe. „Der chinesische Behemoth will kein freies Geld, weder im Sinne von Friedrich August von Hayek noch von Silvio Gesell und schon gleich gar nicht dezentral organisierte Kryptowährungen, die keiner Kontrolle einer staatlichen Macht unterliegen. Die People’s Bank of China will eine von ihr kontrollierte Kryptowährung,“ ist sich Schäfer sicher, „mit der sie die chinesischen Untertanen kontrollieren und bei fehlendem Wohlverhalten gegenüber der Obrigkeit gleich sanktionieren kann.“

Den gebildeten Sympathisanten dieser von Kenneth Rogoff stammenden Idee in der EZB ist durchaus bewusst, dass man weder mit F.A. von Hayek noch Silvio Gesell die Kombination aus Bargeldabschaffung, negativen Zinsen und einer zentralisierten Kryptowährung mit einer liberalen Fassade versehen kann, deshalb muss auch in der europäischen Debatte, wie in China, die Kriminalitätsbekämpfung als Argument herhalten. Schäfer: „Die Umrisse des Brüsseler Leviathan zeichnen sich immer deutlicher ab. Der Bürger in Europa wird, wie in China, gar nicht erst gefragt. Im Ernstfall kann dann die Obrigkeit bei uns dem Bürgeruntertanen (bürgerliche Fassade aus Restfreiheiten, machtpolitisch der Obrigkeit unterworfen mit Luhmanns Legitimation durch Verfahren) das elektronische Geld zuteilen, rationieren und mit Hilfe eines digitalen Amtsgerichtes in Zukunft auch sperren. Ein von der Obrigkeit zentralisiertes bargeldloses System auf Blockchain-Basis erfordert zur wirksamen Umsetzung eine Sicherheitsarchitektur aus mehreren Ebenen. Denn die Gegner dieser Obrigkeit werden dieses System digital angreifen.“

Durch die noch engere und dichtere Vernetzung erhöhe sich die Verwundbarkeit gegen digitale Angriffe exponentiell. „Stuxnet vermittelt einen ersten Eindruck,“ gibt Schäfer ein Beispiel, „was passieren kann, aber es wird noch viel schlimmer. Im Ergebnis haben wir eine Konvergenz der Systeme zwischen dem autoritären China und einem politisch mächtiger werdenden Europa. Auf der Strecke bleibt die Freiheit des Bürgers, weil die Politik die Trennung von Imperium und Dominium nicht respektiert, würde Wilhelm Röpke sagen.

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