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Data2Space: Warum der Raum zur neuen Benutzeroberfläche für Finanzdaten werden könnte
Von Dr. Oliver Everling | 19.August 2026
Finanzdaten werden heute auf Bildschirmen dargestellt. Tabellen, Diagramme, Dashboards und Präsentationen bestimmen den Alltag von Analysten, Investoren, Banken, Asset Managern und Unternehmen. Diese Werkzeuge sind leistungsfähig, aber sie folgen einem gemeinsamen Grundprinzip: Informationen werden auf einer zweidimensionalen Oberfläche angeordnet und vom Nutzer betrachtet.
Data2Space stellt dieses Prinzip infrage. Der neue Dienst entwickelt die Idee, dass komplexe Finanz- und Unternehmensinformationen nicht nur auf einem Bildschirm dargestellt, sondern in einem digitalen Raum organisiert werden können.
Der entscheidende Unterschied liegt dabei nicht in der Verwendung von 3D-Grafiken. Dreidimensionale Modelle sind längst bekannt. Neu ist die Verbindung von räumlicher Darstellung, Datenanalyse, Interaktion und Zusammenarbeit. Der Raum wird nicht zur dekorativen Ergänzung der Daten, sondern zu einer möglichen Benutzeroberfläche für die Daten selbst.
Wer heute eine Unternehmensstruktur analysiert, arbeitet häufig mit mehreren Anwendungen gleichzeitig. Ein Geschäftsbericht liefert Finanzinformationen, eine Datenbank enthält Unternehmensdaten, ein Register zeigt Beteiligungen, eine Tabelle enthält eigene Berechnungen und eine Präsentation fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Der Analyst muss diese Informationen gedanklich zusammenführen.
Data2Space verfolgt einen anderen Ansatz. Unterschiedliche Informationen können innerhalb eines gemeinsamen räumlichen Modells zusammengeführt werden. Unternehmen, Beteiligungen, Assets, Finanzprodukte oder Transaktionen werden zu Elementen einer Informationslandschaft. Der Nutzer kann sich in dieser Landschaft bewegen und Beziehungen unmittelbar untersuchen.
Damit verändert sich auch die Bedeutung von „Übersicht“. Eine klassische Übersicht ist normalerweise ein statisches Bild, das möglichst viele Informationen auf begrenztem Raum zusammenfasst. Je mehr Informationen hinzukommen, desto schwieriger wird die Darstellung. Eine räumliche Umgebung kann dagegen verschiedene Ebenen kombinieren. Auf der obersten Ebene ist die Gesamtstruktur sichtbar. Durch Zoom, Navigation und Filter können anschließend einzelne Bereiche detaillierter untersucht werden.
Diese Möglichkeit des Wechsels zwischen unterschiedlichen Detailebenen ist für finanzielle Analysen besonders interessant. Ein Investmentportfolio kann zunächst als Gesamtstruktur betrachtet werden. Anschließend lassen sich einzelne Anlageklassen, Unternehmen oder Assets auswählen. Der Nutzer kann von der strategischen Perspektive bis zum einzelnen Datenpunkt wechseln, ohne die zugrunde liegende Umgebung verlassen zu müssen.
Eine solche Navigation entspricht stärker der Art und Weise, wie Menschen komplexe Systeme häufig verstehen. Man betrachtet zunächst das Ganze, identifiziert interessante Bereiche und untersucht diese anschließend genauer. Erkenntnisse entstehen dabei nicht ausschließlich durch das Lesen einzelner Informationen, sondern durch das Erkennen von Beziehungen.
Gerade Beziehungen sind im Finanzwesen von zentraler Bedeutung. Der Wert eines Unternehmens hängt von seinem Geschäftsmodell, seiner Finanzierung, seinen Märkten und seinen Eigentümern ab. Ein Investmentportfolio besteht aus miteinander verbundenen Positionen. Ein Finanzprodukt kann verschiedene Assets und Zahlungsströme miteinander kombinieren. Eine M&A-Transaktion verändert Unternehmensstrukturen und wirtschaftliche Beziehungen.
Die Darstellung solcher Systeme in einem Raum kann deshalb mehr sein als eine neue Form der Visualisierung. Sie kann eine neue Form der Analyse ermöglichen.
Auch der Begriff des digitalen Zwillings erhält dadurch eine interessante finanzwirtschaftliche Bedeutung. Ein digitaler Zwilling muss nicht zwangsläufig eine Maschine, ein Gebäude oder eine technische Anlage abbilden. Er kann ebenso ein Unternehmen, ein Portfolio, eine Beteiligungsstruktur oder einen Investment Case repräsentieren.
Ein solcher digitaler Zwilling könnte unterschiedliche Datenquellen aufnehmen und miteinander verbinden. Der Nutzer betrachtet dann nicht nur eine statische Abbildung, sondern ein Modell des untersuchten Gegenstands. Je nach Anwendung können weitere Informationen eingeblendet, Szenarien verglichen oder Entwicklungen über die Zeit betrachtet werden.
Damit kann Data2Space auch für Due Diligence interessant werden. Eine Due Diligence besteht traditionell aus der Analyse einer großen Zahl von Dokumenten und Daten. Die Herausforderung besteht häufig weniger darin, einzelne Informationen zu finden, als darin, ihre Bedeutung im Gesamtzusammenhang zu verstehen.
Eine räumliche Informationsumgebung könnte diesen Gesamtzusammenhang sichtbar machen. Wenn beispielsweise Eigentumsverhältnisse, Assets, Finanzdaten und Transaktionen miteinander verbunden werden, entsteht ein Modell, das nicht nur einzelne Fakten zeigt, sondern deren Beziehungen.
Der gleiche Ansatz kann für Investmententscheidungen genutzt werden. Ein Investment Case lässt sich als räumliche Struktur darstellen, in der Chancen, Risiken, Assets, Märkte und finanzielle Kennzahlen miteinander verbunden sind. Die Darstellung kann dadurch näher an der tatsächlichen Entscheidungslogik liegen als eine Folge isolierter Charts.
Interessant ist dabei die Möglichkeit der Kollaboration. Finanzanalyse ist häufig Teamarbeit. Unterschiedliche Experten betrachten unterschiedliche Aspekte eines Problems. Ein Analyst untersucht die Zahlen, ein Jurist die Verträge, ein Steuerberater die steuerlichen Auswirkungen und ein Investmentmanager die Rendite-Risiko-Struktur.
Wenn alle Beteiligten auf dieselbe räumliche Informationsumgebung zugreifen können, entsteht ein gemeinsamer Referenzpunkt. Informationen müssen weniger über separate Dokumente und Präsentationen vermittelt werden. Stattdessen können die Beteiligten gemeinsam auf das Modell schauen und bestimmte Bereiche untersuchen.
Dadurch könnte sich auch die Art von Meetings verändern. Ein Meeting muss nicht mehr zwangsläufig aus einer Präsentation bestehen, bei der eine Person Informationen zeigt und die übrigen Teilnehmer reagieren. Es kann zu einer gemeinsamen Untersuchung eines Informationsraums werden.
Diese Entwicklung wird durch den plattformübergreifenden Ansatz von Data2Space unterstützt. Die räumliche Information soll nicht ausschließlich über ein VR-Headset zugänglich sein. Desktop, Web und immersive XR-Geräte können unterschiedliche Zugänge zu derselben Informationswelt darstellen.
Das ist wirtschaftlich relevant, weil die Einführung neuer Hardware eine erhebliche Hürde darstellen kann. Wenn eine räumliche Informationswelt auch über den Browser erreichbar ist, kann sie wesentlich leichter in bestehende digitale Prozesse integriert werden. XR wird dann zu einer zusätzlichen Möglichkeit, Daten zu erleben, statt zur Voraussetzung für deren Nutzung.
Für Unternehmen eröffnet dies einen weiteren Vorteil: Die gleiche räumliche Umgebung kann für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden. Intern kann sie zur Analyse verwendet werden, gegenüber Kunden zur Produktpräsentation, in einem Investmentkomitee zur Entscheidungsfindung und in einer Schulung zur Vermittlung komplexer Zusammenhänge.
Damit verschmelzen drei Bereiche, die bisher häufig getrennt waren: Analyse, Kommunikation und Präsentation.
Genau hier liegt möglicherweise die langfristige Bedeutung von Data2Space. Der Dienst ist nicht lediglich ein weiteres Werkzeug zur Erstellung von 3D-Modellen. Er verfolgt die Idee einer neuen Informationsarchitektur, in der Daten, Beziehungen und Interaktionen gemeinsam gedacht werden.
Die klassische Benutzeroberfläche ist dafür nicht verschwunden. Tabellen, Dashboards und Dokumente werden weiterhin benötigt. Aber sie könnten künftig durch räumliche Interfaces ergänzt werden, wenn die Komplexität der Daten eine andere Form der Orientierung verlangt.
Die Entwicklung erinnert an den Übergang vom statischen Dokument zum interaktiven Web. Ein Dokument konnte Informationen enthalten. Das Web machte Informationen miteinander verknüpfbar und navigierbar. Eine räumliche Informationsumgebung könnte nun einen weiteren Schritt ermöglichen: Informationen werden nicht nur verknüpft, sondern räumlich organisiert und gemeinsam erfahrbar.
Für Finance ist das besonders interessant, weil die Branche mit hochkomplexen relationalen Daten arbeitet. Eigentum, Kontrolle, Risiko, Rendite, Finanzierung, Transaktionen und Marktbeziehungen bilden Netzwerke. Je größer diese Netzwerke werden, desto schwieriger wird es, sie ausschließlich auf zweidimensionalen Oberflächen zu erfassen.
Data2Space stellt deshalb eine grundlegende Frage: Wenn die Welt, die wir analysieren, aus komplexen Beziehungen besteht, warum sollte die Benutzeroberfläche weiterhin ausschließlich aus Tabellen und Kästen bestehen?
Die Antwort von Data2Space lautet: Sie muss es nicht. Daten können zu Räumen werden, Räume können zu Analyseumgebungen werden und Analyseumgebungen können gleichzeitig Orte für Kommunikation und Zusammenarbeit sein.
Damit könnte der Raum tatsächlich zur nächsten Benutzeroberfläche für komplexe Finanzdaten werden. Nicht weil 3D grundsätzlich besser ist als 2D, sondern weil manche Informationen erst dann wirklich verständlich werden, wenn ihre Beziehungen, Perspektiven und Zusammenhänge selbst Teil der Benutzeroberfläche sind.
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