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Denke nach und werde reich

Von Dr. Oliver Everling | 28.März 2018

Wer eine Ausgabe von Napoleon Hills „Denke nach und werde reich“ auf deutsch lesen will, die dem genauen Text der über 25 Jahre hinweg entstandenen amerikanischen Erstveröffentlichung von 1937 folgt, hat jetzt Gelegenheit dazu. Der FinanzBuch Verlag legt erstmals eine ungekürzte deutsche Übersetzung des klassischen Finanz- und Selbsthilfebuchs vor, die von der Napoleon Hill Foundation autorisiert wurde. Der historische Text ist nicht durch Modernisierungen verändert. Da einige Bemerkungen und Bezugnahmen Hills sehr zeitbezogen sind – gerade für Leser außerhalb der USA –, wurden zum besseren Verständnis einige erklärende Anmerkungen eingefügt.

„Im Zuge meiner 20-jährigen Recherchen,“ schreibt Napoleon Hill, „die ich auf Andrew Carnegies Bitte hin anstellte, analysierte ich Hunderte bekannter Persönlichkeiten, von denen viele offen zugaben, sie hätten ihr enormes Vermögen dem Carnegie-Geheimnis zu verdanken.“ Hill wusste das Geschenk zu nutzen, mit mehr als 500 Superreichen der damaligen Zeit über ihren Erfolg sprechen zu dürfen. Manche von ihnen sind noch heute jedem bekannt, wie Henry Ford, Theodore Roosevelt, William Wrigley Jr., George Eastman, Charles M. Schwab, King Gillette, John D. Rockefeller, F.W. Woolworth, Dr. Alexander Graham Bell und viele andere.

„Wer das Carnegie-Geheimnis kennt und anwendet, kommt im Leben weit“, verspricht Hill und zeigt den „Wert der sicheren Erkenntnis, dass ein vager gedanklicher Impuls in konkrete Fakten verwandelt werden kann, wenn man sich nach bestimmten Grundsätzen richtet.“

Als ob Napoleon Hill von heutigen Wutbürgern oder linken Parteigenossen berichten würde, die den Umständen ihres Lebens, dem Staat oder dem Kapitalismus alle Schuld für ihr Schicksal zuweisen und sich Reichtum nur durch Wegnehmen von anderen vorstellen können, spricht Hill die „nur allzu verbreitete menschliche Schwäche“ an, „die eigenen Eindrücke und Überzeugungen für das Maß aller Dinge zu halten. Manche Leser glauben sicher, dass man sich nicht reich denken kann. Sie sind so an Armut, Bedürftigkeit, Elend, Misserfolg und Niederlage gewöhnt, dass sie sich Reichtum gar nicht vorstellen können.“

„Millionen Menschen blicken neidvoll auf die Leistungen des arrivierten Henry Ford, weil er das Glück oder Genie oder was auch immer hatte, dem er sein Vermögen verdankt“, schreibt Hill. Man bräuchte nur die Namen gegen die der heutigen Stars von Alibaba, Apple, Facebook, Google, Huawei, Tencent, Tesla usw. auszutauschen, um Hills Beschreibungen zu aktualisieren.

Die Lektüre des Originaltextes von Napoleon Hill lohnt sich gerade auch deshalb, weil Hill u.a. von Erfindern spricht, deren Entdeckungen im SmartPhone-Zeitalter so selbstverständlich sind, dass kaum noch jemand über diese diskutiert: „Als Guglielmo Marconi verkündete, er habe entdeckt, wie sich Nachrichten ohne Kabel oder andere direkte physische Kommunikationsmittel durch die Luft übertragen ließen, wurde er von ‚Freunden‘ entmündigt und zur Untersuchung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.“

„Wer Angst vor neuen Ideen hat,“ warnt Hill (als ob er die Worte nicht 1937, sondern 2017 geschrieben hätte!), „ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nie war die Zeit so ideal für Pioniere wie jetzt. Natürlich gibt es keinen Wilden Westen mehr zu erobern wie in den Tagen der Pioniere mit ihren Planwagen. Doch es gilt, eine große Wirtschafts-, Finanz- und Industriewelt umzubauen und neu und besser zu gestalten.“

Hills Buch ist heute gleich für mehrere Leserzielgruppen interessant. Es liefert historische Einblicke aus einer Zeit, zu der Hill noch nicht von der Ermordung Mahatma Ghandis wissen konnte, zeigt wirtschaftliche Zusammenhänge auf und liefert eine Anleitung zum Selbstmanagement. Hills Buch ist der Prototyp für inzwischen in Tausenden zu zählende Bücher, die genau seinem Muster folgten. Für Manager, Coaches, Marketingleute, Motivatoren usw. bietet seine Lektüre eine einzigartige Chance, die Wurzeln der Fachliteratur zum Thema zu erkennen.

Das Aufschreiben von klaren, persönlichen Zielen sieht Hill als einen zentralen Erfolgsfaktor für jeden. Heute wären Menschen möglicherweise aber nicht mehr so sehr auf Geld fixiert wie zu seiner Zeit: „Lesen Sie sich zweimal am Tag laut vor, was Sie aufgeschrieben haben – einmal kurz vor dem Schlafengehen und einmal gleich nach dem Aufstehen. Stellen Sie sich beim Lesen möglichst plastisch und überzeugend vor, das Geld bereits zu besitzen.“ Wahrscheinlich ist es auch heute noch die „einzige bekannte Methode zur gezielten Herbeiführung des mit Glauben verbundenen Gefühlszustands“, wie Hill anleitet, „Anweisungen an Ihr Unterbewusstsein immer wieder zu bekräftigen.“

Hills „zehn Hauptgründe für Führungsversagen“ lesen sich wie der Kriterienkatalog eines Managementratings: Unfähigkeit, Details zu regeln; Überheblichkeit; die Erwartung, für ihr „Wissen“ und nicht das, was sie aus diesem Wissen machen, honoriert zu werden; Angst vor Konkurrenz aus den eigenen Reihen; Fantasielosigkeit; Selbstsucht; Maßlosigkeit; Illoyalität; autoritäre Führung; Titelbesessenheit.

Wenn Napoleon Hill vom „Weltkrieg“ spricht, meint er den ersten Weltkrieg, denn der zweite war noch nicht ausgebrochen. Geradezu tragisch ist es zu lesen, dass aus einer „Mode“ der 1930er Jahre ein Grundmuster geworden ist, mit dem noch heute Wähler gefangen, Kirchenkanzeln genutzt, Zeitungen gefüllt und Blogs betrieben werden, denn Hill schreibt 1937: „Seit über 20 Jahren ist es unter Radikalen, opportunistischen Politikern, Gaunern, korrupten Gewerkschaftsführern und gelegentlich auch religiösen Vorrednern zur Mode und zum zunehmenden Zeitvertreib geworden, auf die ‚Wall Street, die Spekulanten und die großen Konzerne‘ zu schimpfen.“

„Gehören Sie auch zu denjenigen,“ fragt Hill mit Blick auf die Gewerkschaften seine Leser, „die der Ansicht sind, dass Menschen allein dadurch reich werden können, dass sie sich zusammenschließen und mehr Geld für weniger Leistung fordern? Die staatliche Unterstützung verlangen, aber morgens nicht vom Geldzusteller belästigt werden möchten?“

Hills Thesen stehen heute inmitten der 4. Industriellen Revolution im Kreuzfeuer: „Das kapitalistische Amerika sorgt dafür, dass jeder die Möglichkeit hat, sich nützlich zu machen und entsprechend zu verdienen.“ Diese These von Hill wird heute mehr als je zuvor in Frage gestellt. Hill kannte schon damals Kritiker, die das Gegenteil behaupteten, inzwischen aber durch die Geschichte widerlegt sind.

Das Buch von Hill lohnt sich zur wiederholten Lektüre, denn es ist keine einseitige, wissenschaftliche Monografie, sondern versammelt eine Fülle von Erfahrungswissen, das zeitlos von Nutzen ist.

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