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Die große Fondslüge

Von Dr. Oliver Everling | 15.Oktober 2016

Kann man sich umfassender mit den Mächtigen der Finanzindustrie anlegen als Dr. Michael Ritzau? Das ist wohl schwer vorstellbar. Schon auf dem Cover seines Buches „Die große Fondslüge“ aus dem Tectum Verlag werden die Profiteure eines Systems genannt, das – flankiert durch die Medien – für die Umverteilung von Milliarden Ersparnissen aus den Konten ahnungsloser Sparer auf die Ertragskonten von Sparkassen, Banken wie auch einzelnen Ratingagenturen unter Billigung einer großen Koalition von Politikern sorgt.

Während Bankenschelte ja nichts Neues ist und auch die vergleichsweise wehrlosen, da in Deutschland nur wenige hundert Mitarbeiter beschäftigenden Ratingagenturen gerne als Buhmänner herangezogen werden, wagt es Michael Ritzau, höchste Tabus der obersten deutschen Politik zu brechen. Es gehört schon einiger Mut dazu, nicht nur das Ansehen der dem Gemeinwohl dienenden Sparkassen zu ramponieren, sondern auch das der ehrenwerten Stiftung Warentest, die – der Gemeinnützigkeit verpflichtet – aufgrund eines staatlichen Auftrags und gefördert mit Steuermitteln mit ihrer Marke „Finanztest“ Verbrauchern Vertrauen in Finanzprodukte einflößt. Mit seinem Hauptkapitel „Der große Test der Finanztest-Fondsempfehlungen“ bringt Michael Ritzau die Ikone der deutschen Produkttester in einen Erklärungsnotstand.

Mit einer umfassenden „Medienschelte“, wie er es selber nennt, riskiert der promovierte Michael Ritzau zudem, auch noch mit seinem Buch von all denjenigen Medien bestenfalls ignoriert zu werden oder schlechte Rezensionen zu kassieren, die doch so gut an den Werbeeinnahmen aus den Inseraten der Fondsindustrie verdienen. Michael Ritzau gibt Beispiele der Mitwirkung an der „großen Fondslüge“ für Die Welt, Focus Money, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Euro am Sonntag usw. Michael Ritzau verschont in seiner Kritik nicht einmal Bildungspolitiker, Lehrer und Hochschullehrer, die dafür sorgen, dass in Deutschland die Hochschulreife nur erlangen kann, wer Gedichte zu analysieren vermag, aber nicht auch Finanzbildung vermittelt wird. „Zu einem Schwindel gehören immer zwei: Derjenige, der beschwindelt, braucht jemanden, der sich beschwindeln lässt“, so Michael Ritzau.

Wer ein solches Buch wie das von Michael Ritzau schreibt, das im heutigen Niedrigzinsumfeld eine der letzten verlässlichen Ertragssäulen des Bankgewerbes attackiert, landet mit seinem Buch auf dem Index und als Person auf den schwarzen Listen von Sparkassen- und Bankenverbänden, mit denen die Mitgliedsinstitute von der Einladung von für Kundenveranstaltungen „weniger geeigneten“ – da politisch unerwünschten – Referenten abgehalten werden. So dürfte der bis 2012 noch als Stiftungsratsvizepräsident der Novartis Pensionskassen II in Basel tätige Michael Ritzau zu den Aussteigern der Branche gezählt werden. Er ist heute nach eigenen Angaben als selbständiger bankenunabhängiger Honorarberater tätig.

Das Buch packt das Interesse des Lesers im Urteilsstil, denn die Quintessenz lernt der Leser schon in der Einleitung (im Gegensatz zum Gutachtenstil wird das Ergebnis im Urteilsstil vorangestellt). „Die Fondsanbieter leiten uns – um ihre Gebühreneinnahmen zu maximieren – bewusst in die Irre mit irrelevanten Informationen über Wertentwicklungen in der Vergangenheit. Gleichzeitig verschweigen sie uns, dass die Kosten die einzig relevanten Daten bei Fonds sind“, schreibt Michael Ritzau und ist überzeugt, dass die Rolle des Zufalls notorisch unterschätzt wird.

Michael Ritzau weiß zwischen Ratingagenturen und der Stiftung Warentest zu differenzieren. So darf man es immerhin bei aller Kritik an den Ratingagenturen als eine Abschwächung seines Vorwurfs der „Lüge“ betrachten, wenn er schreibt: „Da haben wir die Produzenten der Fondsratings, die meist zugeben, dass ihre Ratings nichts über die zu erwartende Wertentwicklung eines Fonds aussagen, …“ Die aus öffentlichen Mitteln finanzierte Stiftung Warentest dagegen lotse ihre Leser konsequent in überteuerte Zufallsgewinner. „Verantwortlich sind aber auch Politiker in Berlin und Brüssel, von denen zu wenige unabhängig von den Einflüsterungen der Finanz- und Fondsindustrie entscheiden.“ Michael Ritzau unterstreicht, mit seinem Buch keine generelle Kapitalismuskritik vorlegen zu wollen. „Die Kritik an der Fondslüge kann man gleich gut von einem marktliberalen Standpunkt wie aus Verbraucherschutzperspektive begründen.“

Bei aller fachlichen Fundierung der Ausführungen von Michael Ritzau dürfen nicht alle seine Formulierungen auf die Goldwaage gelegt werden. So schießt er zum Beispiel über das Ziel einer sachlichen Aufklärung von Privatanlegern mit der Behauptung hinaus, dass Fondsratings nichts über die zukünftige Wertentwicklung von Fonds aussagen würden. Gut geratete Fonds bleiben von einer Periode zur anderen mit höherer Wahrscheinlichkeit in derselben guten Kategorie, während schlechte Fonds mit höherer Wahrscheinlichkeit schlecht bleiben. Die Korrelation mag gering sein, aber sie ist nicht gänzlich zu negieren.

Michael Ritzau rechnet vor, dass schon nach dem Zufallsprinzip eine beachtliche Anzahl von Fonds der führenden Fondsgesellschaften Allianz Global Investors, Deka, DWS und Union Investment in den obersten Ratingkategorien landen würden, da diese Gesellschaften eine sehr große Anzahl von Fonds anbieten. Daraus leitet sich für diese Gesellschaften selbst dann ein Nutzen aus den Dienstleistungen von Ratingagenturen ab, wenn diese Ratings keinerlei Aussagekraft besäßen. Michael Ritzau liefert mit dieser Argumentation zwar eine plausible Erklärung dafür, wieso sich auch fragwürdige Ratinganbieter und „Tester“ im Markt für Fondsratings halten können, aber keinen Beweis dafür, dass die Ratings seriöser Agenturen gewürfelt wären. Mit derselben Argumentation könnte man auch sonst jedes Schulnotensystem aus den Angeln heben – was wohl kaum der allgemeinen Lebenserfahrung entspricht. Bei aller Fehlerhaftigkeit der Messverfahren lassen sich nun einmal bessere von schlechteren Leistungen unterscheiden, auch wenn dem einen oder anderen die Noten missfallen.

Den führenden Agenturen sind die Probleme ihrer Ratings in der Praxis der Anlageberatung privater Anleger durchaus bewusst. In Studien und auf einschlägigen Fachkonferenzen werden diese auch immer wieder thematisiert. So strömt die Masse der privaten Anleger erst dann in die top gerateten Fonds, wenn diese durch spektakuläre Wertsteigerungen oder als Bestqualifizierte im Rahmen von Award-Verleihungen auffallen. Bleibt dann der weitere Kursanstieg aus oder es kommt sogar zu Rückgängen der Performance, schichtet die Masse der Anleger wieder um und realisiert Verluste. Welche Rolle dabei die Bank- oder Finanzberatung spielt, sei dahingestellt. In jedem Fall ist dieses Phänomen nicht dem Rating selbst vorzuwerfen, sondern dem unreflektierten Umgang mit Ratings.

Selbst eine der führenden US-amerikanischen Ratingagenturen, Morningstar, „gebe mehr oder weniger unumwunden zu“, so Michael Ritzau, dass ihr Sterne-Rating nur die Vergangenheit bewertet. Er zitiert zudem die Klarstellung der Ratingagentur, dass Ratings keine Kaufempfehlungen darstellen. Diesen Hinweis geben übrigens aufgrund der Logik der Sache alle seriösen Ratingagenturen. Michael Ritzau glaubt nun sogar einen umgekehrten Zusammenhang zu sehen: Je besser das Morningstar Rating, desto schlechter die Performance. Was Michael Ritzau verschweigt: Wenn dieser Zusammenhang wirklich stabil wäre, könnten Anleger aus diesem Wissen Nutzen ziehen. Dies stünde aber im Widerspruch zu der These, dass die Ratings keinerlei informativen Nutzen haben. Auf diesen möglichen Widerspruch in seinem empirischen Befund geht Michael Ritzau nicht ein.

Mit Blick auf die Ratingagentur Lipper Leaders spricht Michael Ritzau von „sinnlosen Pünktchen statt nutzlosen Sternchen“. Dem aufmerksamen Leser wird allerdings auch in diesem Kapitel erfreulicherweise klar, dass Michael Ritzau auch diese Agentur vom Vorwurf der Lüge freisprechen muss. So stellt der Autor korrekt dar, dass es sich bei diesem System lediglich um ein Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung bei der Auswahl von Investmentfonds handelt.

Als Kritik an den Feri Fondsratings, den Ratings aus dem Hause einer MLP Tochter in Bad Homburg, hat Michael Ritzau kaum mehr als allgemeine Skepsis zu präsentieren, da diese Ratings doch irgendwie von Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften finanziert würden. Michael Ritzau fragt: „Wo ist die Benchmark?“ Er glaubt einen Kritikpunkt darin erkennen zu können, dass die Feri aktiv gemanagte Fonds mit aktiv gemanagten Fonds vergleicht. Soll ein Ratingsystem nach Meinung von Michael Ritzau nur deshalb schlecht sein, weil einerseits Äpfel mit Äpfel und andererseits Birnen mit Birnen verglichen werden?

Michael Ritzau macht u.a. Ratingagenturen zur Zielscheibe seiner Kritik, da er nicht fragt, welche Transparenz im Markt für Investmentfonds ohne die Arbeit von Ratingagenturen gegeben wäre. Gäbe es die Ratingagenturen nicht, stünden auch ihm diese wichtigen Informationsquellen nicht zur Verfügung, auf die er doch auch sein Buch stützt. Wer sich gegen die Geschäfte von Ratingagenturen ausspricht, statt einfach nur bessere Ratingmethoden zu fordern, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

„Das Provisionssystem ist eine der wichtigsten Stützen der großen Fondslüge“, analysiert Michael Ritzau. Dem „Sparkassen-Lobbyverband sei keine Begründung zu fadenscheinig, kein Argument zu konstruiert“, um das Provisionssystem zu verteidigen. Der Autor des Buches rechnet vor, dass kaum ein Fonds ohne empfindliche Performancenachteile gegenüber Indexfonds die gewaltigen Kosten zu tragen vermag, die die Sparkassen und Banken ihren Kunden in Form von Provisionen aufbürden.

Michael Ritzau favorisiert Exchange Traded Funds (ETFs), die dem Anleger bei minimalen Kosten erlauben, an den gegenüber Spareinlagen bei Banken höheren Renditen an den Kapitalmärkten teilzuhaben. Die riesigen Provisions- und Kostenbelastungen aktiv gemanagter Fonds lassen es nicht zu, dass diese Fonds in ihrer Mehrzahl die Performance von Indexfonds überbieten würden. Den Beweis, dass auch Volksbanken und Raiffeisenbanken an der „Fondslüge“ mitwirken sieht Michael Ritzau schnell erbracht. Vergeblich suche man auf Webseiten der Genossenschaftsbanken nach Empfehlungen für die kostengünstigeren Anlagealternativen, namentlich der ETFs.

Wer nun als Dachfondsmanager hofft, von Michael Ritzaus beißender Kritik verschont zu bleiben, geht fehl – sein Fazit zu diesen Produkten: „Dachfonds haben eine doppelte Gebührenstruktur! … Dachfonds sind so überflüssig wie ein Kropf und machen nur für die Fondsgesellschaften Sinn, weil sie ihre Gebühreneinnahmen steigern.“ Vernichtend sind – mit ähnlichem Kostenargument – auch seine Urteile über Mischfonds sowie fondsgebundene Versicherungen.

„Ungerechtfertigte Gebühren-Abzocke“ sieht Michael Witze auch bei den so gerecht klingenden „erfolgsabhängigen Gebühren“, da diese eben vom Erfolg, aber nicht von der Leistung abhängig sind. Der Anleger leidet bei diesen Gebührenmodellen der Banken in vollem Umfang unter Verlusten, während er sich die Gewinne mit den Managern teilen muss.

Ohne die Begriffe aus der Kognitionspsychologie zu verwenden, kommt Michael Ritzau auf die kognitive Verzerrung zu sprechen, sich systematisch falsch an frühere Vorhersagen zu erinnern, nachdem der Ausgang von Ereignissen erfahren wurde. Der Rückschaufehler wirkt sehr zugunsten der Fondsindustrie, denn in der Statistik bleiben immer nur die erfolgreichen Fonds übrig. Tausende von Fonds, die im Laufe ihrer Geschichte das Geld ihrer Anleger vernichteten und deshalb zusammengelegt oder geschlossen wurden, tauchen in den Datenbanken früher oder später nicht mehr auf. Nachvollziehbar stellt daher Michael Ritzau fest: „Der Survivorship Bias behinderte ganz konkret auch meine Untersuchungen in diesem Buch.“

Zu den Highlights des Buches gehören zwei Interviews mit Nobelpreisträgern: Eugene F. Fama und William F. Sharpe, die sich im März 2016 den Fragen des Buchautors stellten. Prägnanter als in diesen Interviews können die Probleme um Investmentfonds wohl kaum zum Ausdruck gebracht werden. Das Buch ist also lesenswert für jeden, der mit Investmentfonds Geld verdienen möchte.

Themen: Bücher, ETF-Rating, Fondsrating, Rezensionen | Kein Kommentar »

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