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Geopolitik, Inflation und KI-Boom: Die wachsenden Herausforderungen der Ratingagenturen im Credit Rating
Von Dr. Oliver Everling | 22.Mai 2026
Ratingagenturen stehen im Credit Rating vor der Herausforderung, wirtschaftliche, geopolitische und strukturelle Risiken gleichzeitig zu bewerten, obwohl sich diese Faktoren zunehmend gegenseitig verstärken und in kurzen Zeitabständen verändern. Dies verdeutlicht der aktuelle Monthly Investment Brief von Laurent Denize, Co-CIO von ODDO BHF und Global CIO von ODDO BHF Asset Management, exemplarisch. Der Beitrag zeigt, wie schwierig die Einschätzung von Kreditrisiken in einem Umfeld geworden ist, das von geopolitischer Unsicherheit, divergierenden Wachstumsdynamiken, Inflationsdruck und technologischen Umbrüchen geprägt ist.
Eine zentrale Schwierigkeit besteht darin, geopolitische Risiken angemessen in Bonitätseinschätzungen zu integrieren. Denize beschreibt, dass sich die Finanzmärkte „in einer Phase erhöhter Unsicherheit“ befinden und es „weiter keine Anzeichen für eine Rückkehr zur Normalität“ gebe. Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass klassische finanzielle Kennzahlen allein nicht mehr ausreichen. Politische Entwicklungen wie Waffenstillstände, Sanktionen oder militärische Eskalationen können innerhalb weniger Tage erhebliche Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit von Staaten und Unternehmen haben. Besonders problematisch ist dabei die hohe Volatilität der Märkte: „Jede noch so vorsichtige Hoffnung auf eine vollständige Wiederöffnung lässt die Aktienkurse steigen. Rückschläge bei den Verhandlungen werden hingegen umgehend mit Kursverlusten quittiert.“ Ratingagenturen müssen daher zwischen kurzfristigen Marktreaktionen und langfristigen Kreditrisiken unterscheiden.
Hinzu kommt die Schwierigkeit, unterschiedliche makroökonomische Entwicklungen regional angemessen zu bewerten. Der Text hebt hervor, dass sich „die wirtschaftliche Kluft zwischen den USA und Europa“ weiter vertieft habe. Während „die US-Wirtschaft somit weiterhin robust“ erscheine, kämpfe die Eurozone mit „einer bereits schwachen Grunddynamik“. Für Ratingagenturen erschwert diese Divergenz die Vergleichbarkeit von Schuldnern über verschiedene Regionen hinweg. Unternehmen oder Staaten mit ähnlichen Verschuldungsquoten können aufgrund völlig unterschiedlicher wirtschaftlicher Rahmenbedingungen sehr unterschiedliche Ausfallrisiken aufweisen.
Besonders herausfordernd ist außerdem die Bewertung langfristiger Inflations- und Zinsrisiken. Laut Denize wird an den Finanzmärkten „eine Entwicklung hin zu höheren Zinsen als Basisszenario angesehen“. Gleichzeitig „wachsen die öffentlichen Schuldenquoten weltweit weiter und erhöhen das Risiko strukturell höherer langfristiger Zinsen“. Für Credit Ratings ist dies relevant, weil steigende Refinanzierungskosten sowohl Staaten als auch Unternehmen unter Druck setzen können. Ratingagenturen müssen daher abschätzen, ob Schuldner auch in einem dauerhaft höheren Zinsumfeld tragfähig bleiben. Diese Prognosen sind jedoch mit erheblicher Unsicherheit verbunden, da sie von geldpolitischen Entscheidungen, Inflationserwartungen und geopolitischen Entwicklungen abhängen.
Ein weiteres Problemfeld liegt in der Bewertung technologischer Strukturumbrüche. Der Text beschreibt den massiven Investitionsschub im Bereich künstlicher Intelligenz und betont, dass dieser „kein spekulatives Wunschdenken“ sei, sondern durch reale Nachfrage nach Halbleitern getrieben werde. Gleichzeitig erhöhe „der KI-Boom das Risiko von Disruptionen in etablierten Branchen wie Software, Finanzdienstleistungen und Bankwesen“. Ratingagenturen stehen damit vor der Aufgabe, Gewinner und Verlierer technologischer Transformation frühzeitig zu identifizieren. Geschäftsmodelle, die heute noch stabile Cashflows generieren, könnten künftig erheblich unter Druck geraten. Die Unsicherheit darüber erschwert die Einschätzung langfristiger Kreditqualität erheblich.
Darüber hinaus zeigt der Text die Problematik konzentrierter Marktrisiken. Der „US-Aktienmarkt bleibt daher stark polarisiert und ein Großteil der Kursgewinne auf nur wenige Titel konzentriert“. Solche Konzentrationen können systemische Risiken verstärken. Ratingagenturen müssen bewerten, wie stark Unternehmen, Banken oder ganze Volkswirtschaften von einzelnen Branchen oder Marktsegmenten abhängig sind. Kommt es dort zu Korrekturen, können sich Bonitätsprofile rasch verschlechtern.
Schließlich verweist Denize auf die grundlegende Schwierigkeit, in einem außergewöhnlichen Umfeld belastbare Zukunftsprognosen zu erstellen. Die „zentrale Herausforderung besteht weiterhin darin, über den Konflikt hinauszuschauen“. Genau darin liegt auch das Kernproblem moderner Credit Ratings: Sie sollen langfristige Stabilität bewerten, während die geopolitische und makroökonomische Realität „alles andere als normal ist“. Ratingagenturen müssen daher zunehmend Szenarioanalysen durchführen und Unsicherheiten berücksichtigen, die sich nicht mehr mit traditionellen Modellen erfassen lassen.
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