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Mit Ratingprognosen ins Risikomanagement

Von Dr. Oliver Everling | 8.Juli 2015

Entscheidungen unter Unsicherheit erfordern Risikomessung. Unternehmerische Entscheidungen basieren auf der prognostizierten Performance und bestimmen den Risikoumfang eines Objekts, Projekts, Portfolios oder Unternehmens, sagt Marco Wolfrum von der FutureValue Group AG, und fügt hinzu: „Performancemaße verbinden erwartete Erträge und Risiken“. Wolfrum spricht in der Jahresversammlung des Bundesverbandes der Ratinganalysten e.V. (BdRA).

Jeder Unternehmer habe sich die Frage zu stellen, ab wann das Risiko „zu hoch“ sei, also existentiell gefährdet oder zumindest so hoch ist, dass es zu unangenehmen Gesprächen mit Banken und Kreditgebern kommt. Wolfrum zeigt, wie die Kapitalkosten als Mindestanforderung an die erwartete Rendite mit in die Betrachtung zu ziehen sind.

„Zukunft bedeutet Unsicherheit, Risiko ist das Abweichungspotenzial“, macht Wolfrum klar. Planung und Controlling liefern die Zielwerte (deterministische Planung), Risikomanagement zeigt dazu die Abweichungspotenzialke (stochastische Planung) und deren Steuerungsmöglichkeiten. Chancen und Gefahren sind gegenüberzustellen, positive wie auch negative Abweichungen vom Plan- bzw. Zielwert. „Der erwartete Wert ist für das Controlling letztlich entscheidend.“ Wolfrum spricht die Fragen an, die im Risikomanagement zu stellen sind.

Zur Risikoanalyse gehöre die Identifikation von Risiken sowie die Quantifizierung von Risiken. Strategische Risiken, unsichere Planannahmen und sonstige Risikofelder sind in der Risikoidentifikation und -analyse zu integrieren, verdeutlicht Wolfrum. Die Ermittlung von Risikoinformationen für relevante Risiken kann durch Auswertung von historischen Daten (z.B. Abweichungsanalysen) einerseits und/oder in Form von Expertenschätzungen (z.B. aus Interviews und Workshops) andererseits gewonnen werden.

Risikosimulation zeigt mögliche Planabweichungen und den Eigenkapitalbedarf zur Abdeckung möglicher Verluste. „Im Prinzip läuft das wie bei den Prognosen bei Bundestagswahlen ab. Die ersten Hochrechnungen sind meistens schon relativ nah am Endergebnis, es genügt also, eine realistische Stichprobe zu ziehen.“ Wolfrum sieht die Möglichkeit, sich auf Monte-Carlo-Simulationen zu stützen.

Wolfrum spricht im Risikomanagement provokant von „traditionell“ versus „richtig“, denn Risikomanagement ist nur dann komplett, wenn es auch in der Dimension eines Ratings mündet. Planung der Handlungsoption, Risikoanalyse, Risikoaggregation, risigogerechte Bewertung, Entscheidung und Durchführung der Maßnahme usw. müssen sich in einen Managementkreislauf integrieren.

Wolfrum skizziert die Entwicklungsstufen von Ratingprognosen auf Basis struktureller Modelle: Im einfachsten Fall durch eine deterministische Ratingprognose, besser aber durch stochastische, kennzhalenbasierte Ratingprognose oder schließlich simulationsbasierte, direkte Ratingprognose.  Es wird bei letzterer unmittelbar die Wahrscheinlichkeit von Überschuldung und Illiquidität aus der Simulation berechnet. Die Insolvenzwahrscheinlichkeit wird direkt ermittelt und umgerechnet in eine Ratingnote.

Bei der Ratingprognose wird auf das zukünftig zu erwartende Rating geschlossen, indem aus der Unternehmensplanung die Finanzkennzahlen abgeleitet werden, die das Rating maßgeblich bestimmen. Wolfrum zeigt ein konkretes Beispiel: „Im Basisszenario verbessert sich das Rating um eine Ratingklasse auf ein BBB-Rating, während im Stressszenario ein Abfall auf ein B-Rating zu beobachten ist.“ Wolfrum stützt sich zur Gewinnung von Benchmarkdaten für Krisenszenarien auf Daten der Deutschen Bundesbank, so dass mehr als 40 Jahre betrachtet werden können.

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