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Zwischen Innovation und Souveränität: Wie die Bundesbank Cloud und KI strategisch steuert
Von Dr. Oliver Everling | 22.April 2026
In ihrer Opening Keynote „Von Cloud bis KI: Strategie und Governance im Spannungsfeld von Souveränität und Innovation“ zeichnete Fritzi Köhler-Geib ein differenziertes Bild davon, wie tief Technologie heute in die Arbeit von Zentralbanken eingebettet ist und welche strategischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Als Mitglied des Vorstands der Deutsche Bundesbank machte sie deutlich, dass Institutionen wie die Bundesbank längst keine rein geldpolitischen Akteure mehr sind, sondern hochgradig technologiegetriebene Organisationen, in denen Innovation und Regulierung eng miteinander verflochten sind.
Ausgangspunkt ihrer Ausführungen war die Frage, wie Technologie konkret innerhalb der Bundesbank eingesetzt wird. Sie verwies dabei nicht nur auf klassische IT-Anwendungen, sondern auch auf spezifische Beispiele wie die vertragliche Absicherung von Patenten, die zeigen, wie stark technologische Entwicklung auch institutionelle Prozesse prägt. Künstliche Intelligenz ist dabei längst Teil des Arbeitsalltags geworden. Ihr Einsatz reicht von der Analyse großer Datenmengen bis hin zur Unterstützung komplexer regulatorischer Aufgaben. Besonders anschaulich wurde dies am Beispiel der Bankenaufsicht: Rund 27.000 Seiten regulatorischer Vorgaben sollen durch KI-Systeme künftig effizienter erschlossen und für Aufseher besser nutzbar gemacht werden.
Gleichzeitig betonte Köhler-Geib, dass mit diesen Möglichkeiten erhebliche Herausforderungen einhergehen. Deutschland verfüge insbesondere im industriellen Mittelstand über einen enormen Datenschatz, der als Grundlage für leistungsfähige KI-Anwendungen dienen könne. Doch die Art und Weise, wie KI-Systeme – insbesondere autonome Agenten – eingesetzt werden, habe potenziell direkte Auswirkungen auf die Finanzstabilität. Diese Erkenntnis habe dazu geführt, dass die Bundesbank ihre Forschungsaktivitäten im Bereich KI deutlich ausgeweitet hat, um die Risiken und Wechselwirkungen besser zu verstehen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Thema Governance zentrale Bedeutung. Der Einsatz von KI erfordert klare Regeln und Verantwortlichkeiten, die über rein technische Fragestellungen hinausgehen. Die Bundesbank verfolgt dabei einen strukturierten Ansatz, der drei zentrale Rollen unterscheidet: Anbieter von KI-Systemen, Entwicklerinnen und Entwickler sowie die Nutzerinnen und Nutzer. Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle Beteiligten sicher fühlen und KI verantwortungsvoll einsetzen können. Governance wird hier nicht als Einschränkung verstanden, sondern als Voraussetzung dafür, dass Innovation überhaupt stattfinden kann.
Ein weiterer Schwerpunkt der Keynote lag auf der Frage technologischer Souveränität. Köhler-Geib verdeutlichte die aktuelle Abhängigkeit Europas von außereuropäischen Anbietern, indem sie ein Bild zeigte, das von Flaggen der USA und Chinas dominiert war. Mehr als 80 Prozent der digitalen Infrastruktur und Technologien würden derzeit importiert, was strategische Risiken mit sich bringe. Daraus leitete sie die Notwendigkeit eines aktiven Managements technologischer Abhängigkeiten ab, das sowohl politische als auch unternehmerische Entscheidungen umfasst.
Ein konkretes Beispiel für diesen Ansatz ist die Überarbeitung der Cloud-Strategie der Bundesbank. Unter dem Leitprinzip „Cloud First, Smart Placement“ wird angestrebt, Cloud-Technologien gezielt und differenziert einzusetzen. Dabei stehen drei Kriterien im Mittelpunkt: Einfachheit, Sicherheit und Souveränität. Es geht nicht darum, alles in die Cloud zu verlagern, sondern bewusst zu entscheiden, welche Anwendungen wo betrieben werden, um sowohl Effizienz als auch Kontrolle zu gewährleisten.
Abschließend verwies Köhler-Geib auf Initiativen wie IDA2Cloud, mit denen die Innovationskraft gezielt gestärkt werden soll. Diese Programme stehen exemplarisch für den Versuch, technologische Modernisierung mit strategischer Unabhängigkeit zu verbinden. Die Keynote machte deutlich, dass sich das Spannungsfeld zwischen Innovation und Souveränität nicht auflösen lässt, sondern aktiv gestaltet werden muss. Gerade für Institutionen wie Zentralbanken bedeutet dies, technologische Entwicklungen nicht nur zu nutzen, sondern auch deren Rahmenbedingungen entscheidend mitzuprägen.
Fritzi Köhler-Geib ist Mitglied des Vorstands der Deutsche Bundesbank und zählt zu den prägenden Stimmen an der Schnittstelle von Finanzsystem, Digitalisierung und Regulierung. Mit ihrer Erfahrung aus internationalen Institutionen und ihrer Arbeit in der deutschen Zentralbank bringt sie eine Perspektive ein, die technologische Innovation stets im Kontext von Stabilität und Governance betrachtet. Ihre Keynote hielt sie auf der Konferenz „Finanzdienstleister der nächsten Generation“ an der Frankfurt School of Finance & Management, einem etablierten Branchentreff, der führende Vertreterinnen und Vertreter aus Banken, Aufsicht, Technologie und Wissenschaft zusammenbringt, um aktuelle Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz, Cloud und die Transformation des Finanzsektors zu diskutieren.
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