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Diagnose richtig, geplante Therapie missraten

Von Dr. Oliver Everling | 10.Oktober 2016

Wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl in den USA hat Hillary Clinton in den Umfragen einen leichten Vorsprung, kann sich aber ihres Einzugs ins Weiße Haus noch nicht sicher sein. „Dies liegt auch an der wirtschaftlichen Lage in den Vereinigten Staaten“, sag Axel D. Angermann von der Feri in Bad Homburg. Angermann analysiert als Chef-Volkswirt der FERI Gruppe die konjunkturellen und strukturellen Entwicklungen aller für die Asset Allocation wesentlichen Märkte.

Von außen betrachtet sehe die wirtschaftliche Lage in Amerika eigentlich sehr gut aus: „Die USA befinden sich derzeit im siebten Jahr eines Aufschwungs, der zwar spürbar moderater ausfällt als in vergangenen Zyklen, die Wirtschaftsleistung aber inzwischen auf ein Niveau getrieben hat, das um mehr als 10 Prozent höher liegt als unmittelbar vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise. Im Euroraum beträgt das Plus dagegen nur magere zwei Prozent, und ohne das überdurchschnittlich hohe Wachstum Deutschlands wäre es kaum mehr als Stagnation. Noch deutlicher fällt der Vergleich zugunsten der USA mit Blick auf die Arbeitslosigkeit aus: Während die Arbeitslosenquote in den USA von 10 auf weniger als 5 Prozent gesunken ist, verharrt sie im Euroraum auf einem zweistelligen Niveau.“

Für die Amerikaner selbst fühlt sich das alles dagegen nicht so gut an, glaubt Angermann. Warum das so ist, zeigt ein Blick in die Einkommensentwicklung der privaten Haushalte, so Angermann: „Bereits seit dem Jahr 2000 stagnieren die realen Einkommen der meisten US-Amerikaner. Erst im vergangenen Jahr überstieg das durchschnittliche Einkommen das Vorkrisenniveau aus dem Jahr 2007, und das auch nur für die oberen 40 Prozent der Einkommensbezieher. Während in den Jahren ab 2000 die fehlende Dynamik der Einkommen durch steigende Vermögenswerte, insbesondere steigende Hauspreise, überdeckt wurde, ist sie nun, nach dem Platzen der Blase am Immobilienmarkt, für viele unmittelbar spürbar. Aus Sicht der Amerikaner trägt das politische Establishment hierfür die Hauptverantwortung, und weil Hillary Clinton geradezu als idealtypische Vertreterin dieses Establishments erscheint, erklärt sich daraus ein guter Teil der Popularität Trumps.“

Aber würde ein Präsident Trump tatsächlich Abhilfe schaffen? Feris Analyse der Wahlprogramme mit Blick auf die wirtschaftspolitischen Absichten steht immer unter dem Vorbehalt, dass nicht alles, was dort aufgeführt wird, tatsächlich umgesetzt wird. Zwei Punkte lassen sich nach Meinung der Analysten dennoch festhalten: „Mit dem Plan für eine groß angelegte Unternehmenssteuerreform greift Trump ein zentrales Thema für die Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft auf. Als das World Economic Forum amerikanische Manager nach den größten Problemen für die Wirtschaft in den USA fragte, bildeten die Höhe der Steuern, die Komplexität des Steuersystems und insgesamt der Umfang der staatlichen Bürokratie die Top Drei der Liste. Die vielen Milliarden Dollar an Gewinnen, die US-amerikanische Firmen im Ausland geparkt haben, um sie nicht der hohen Besteuerung in den USA unterwerfen zu müssen, sind ein weiterer Beleg dafür, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht.“

Das wirtschaftspolitische Programm Trumps besteht nicht nur aus diesem Punkt. „Schwer wiegt die eindeutig protektionistische Ausrichtung der Handelspolitik, die von einem Präsidenten Trump zu erwarten wäre. Sie hätte nicht nur deutlich steigende Importpreise und damit einen Kaufkraftverlust der Bürger zur Folge,“ warnt Angermann, „sondern birgt auch die Gefahr von internationalen Auseinandersetzungen bis hin zu Handelskriegen, die schließlich allen schadeten. Noch schädlicher wäre die von Trump in Aussicht gestellte Immigrationspolitik: Die millionenfache Ausweisung illegaler Immigranten würde nicht nur die Erwerbsbevölkerung reduzieren, sondern auch zu steigenden Löhnen gerade im unteren Einkommensbereich führen. Dies provoziert Zinserhöhungen der Notenbank und führt letztlich zu einem sinkenden Potenzialwachstum.“

Wegen der großen Unsicherheit darüber, was ein Präsident Trump tatsächlich umsetzen wollte und könnte, seien konkrete Berechnungen der quantitativen Folgen seiner Politik kaum möglich. Es spreche aber doch fast alles dafür, dass sich die Wirtschaft der USA unter einem Präsidenten Trump schlechter als im Status quo entwickeln würde. Angermann: „Die richtigen Themen nur beim Namen zu nennen, dürfte am Ende nicht ausreichen, um die noch immer größte und wichtigste Volkswirtschaft der Welt auch gut zu führen.“

Themen: Länderrating | Kein Kommentar »

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