Euro-Konjunktur: Dämpfer zum Jahresende
Von Dr. Oliver Everling | 16.Dezember 2025
Der einst von der Koalition aus CDU, CSU und SPD angekündigte „Herbst der Reformen“ fällt in eine Phase erhöhter wirtschaftlicher Unsicherheit im Euro-Raum und wird aus Sicht des Credit Ratings vor allem daran zu messen sein, ob er strukturelle Schwächen glaubwürdig adressiert hat. Die in diesem Artikel aufgegriffenen Einschätzungen und Argumentationslinien gehen auf Analysen der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH zurück, insbesondere auf Einschätzungen von Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt des Hauses.
Ausgangspunkt ist die zuletzt eingetrübte Stimmung der Unternehmen im Euro-Raum. Der Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft ist im Dezember nach mehreren Anstiegen erstmals wieder gesunken und signalisiert trotz eines Niveaus oberhalb der Expansionsschwelle eine nachlassende Dynamik. Zwar dürfte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal noch deutlich zugelegt haben, doch haben sich die Zweifel an der Nachhaltigkeit dieser Belebung wieder verstärkt. Die Eintrübung zeigt sich sowohl bei den Dienstleistern als auch in der Industrie und betrifft insbesondere die großen Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich.
Für die Bonitätsbewertung ist diese Entwicklung von zentraler Bedeutung, da sie verdeutlicht, dass konjunkturelle Erholung allein nicht ausreicht, um die mittelfristigen Wachstumsperspektiven zu sichern. Wie Dr. Johannes Mayr betont, ist der jüngste Rückgang der Stimmungsindikatoren „ein weiterer Fingerzeig, dass die Zeit überreif ist für mutige Reformschritte, sowohl auf nationaler Ebene als auch auf Ebene des Euro-Raums und der EU“. Aus Ratingsicht erhöht sich damit der Handlungsdruck auf die Politik, Reformen nicht nur anzukündigen, sondern zügig umzusetzen.
Gleichzeitig deuten die Daten darauf hin, dass der geldpolitische Druck begrenzt bleibt. Trotz eines etwas gestiegenen Preis- und Kostendrucks erscheinen Spekulationen über baldige Zinsanhebungen verfrüht. Dies verschafft den öffentlichen Haushalten und der Reformpolitik kurzfristig Spielraum. Zudem profitiert Europa derzeit von einem verstärkten Zufluss ausländischen Kapitals, was die Ausgangslage für strukturelle Anpassungen verbessert.
Aus Sicht des Credit Ratings ist dieses Zeitfenster jedoch eng begrenzt. Die von Eyb & Wallwitz hervorgehobene Reformagenda zielt darauf ab, das Arbeitskräftepotenzial zu erhöhen, die Innovationskraft zu stärken und die europäische Integration voranzubringen. Gelingt dies, kann der angekündigte Reformherbst einen positiven Beitrag zur langfristigen Kreditqualität leisten. Verzögerungen oder politische Blockaden würden dagegen die bestehenden Zweifel an der Tragfähigkeit der wirtschaftlichen Erholung verstärken, zumal sich mit Blick auf die ab 2027 anstehenden Wahlen in mehreren großen EU-Staaten das politische Umfeld absehbar verkomplizieren dürfte.
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Kritik an der Mitte-Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung
Von Dr. Oliver Everling | 11.Dezember 2025
Ein erfolgreicher Unternehmer aus Nürnberg, Ingmar Kruse, meldet sich mit einer pointierten und analytischen Kritik an der „Mitte-Studie 2024/25“ zu Wort. Seine Ausführungen verstehen sich als Gegenposition zu einem Diskurs, der aus seiner Sicht zunehmend von Alarmismus, politischer Einseitigkeit und einer problematischen Vermischung von Wissenschaft und politischer Agenda geprägt ist. Kruse betont, dass seine Perspektive nicht aus parteipolitischer Loyalität, sondern aus unternehmerischer Praxis, gesellschaftlicher Verantwortung und einer liberal geprägten Grundhaltung hervorgehe. Gerade als jemand, der seit Jahren wirtschaftliche Entwicklungen beobachtet, Mitarbeiter führt, Verantwortung trägt und gesellschaftliche Stimmungen aus betrieblicher Nähe wahrnimmt, sieht er im gegenwärtigen Umgang mit Kritik ein Symptom für eine tiefer liegende politische und institutionelle Schieflage.
Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Beobachtung, dass die Studie ein paradoxes Bild zeichnet. Zwar seien laut Erhebung nur noch drei Prozent der Bevölkerung Träger eines geschlossenen rechtsextremen Weltbildes, dennoch warne die Studie vor einer angeblich dramatischen „Entsicherung“ und „Verrohung“ der Mitte. Für Kruse ist dieses Ergebnis weniger ein Spiegel gesellschaftlicher Realität als Ausdruck eines methodischen und begrifflichen Problems. Er schildert, dass telefonische Befragungen in einem moralisch aufgeheizten Klima vor allem die Konformitätsbereitschaft messen und nicht die tatsächlichen Überzeugungen. Menschen sagten am Telefon eher das sozial Erwünschte, während Wahlen oder anonyme Befragungen regelmäßig ein anderes Bild zeichneten. Darin erkennt er eine erste grundlegende Verzerrung, die zu Fehlschlüssen im politischen Raum führe.
Besonders kritisch bewertet Kruse den begrifflichen Rahmen der Studie. Das von den Autoren eingeführte Konstrukt eines „Libertären Autoritarismus“ sei für ihn ein Beispiel dafür, wie bürgerliche, marktwirtschaftliche oder liberale Positionen in die Nähe extremistischer Einstellungen gerückt würden. Wenn der Wunsch nach weniger staatlicher Regulierung, Widerstand gegen übergriffige Eingriffe wie das Heizungsgesetz oder die Ablehnung ideologisch aufgeladener Sprache plötzlich als Vorstufe autoritärer Tendenzen interpretiert werde, verschiebe sich der Diskursraum auf eine gefährliche Weise. Der Begriff diene weniger der Analyse, so hält Kruse fest, sondern eher der Delegitimierung von Kritik, die in einer pluralistischen Demokratie selbstverständlich sein sollte.
Kruse weist darüber hinaus auf eine zirkuläre Logik hin, die durch institutionelle Abhängigkeiten entstehe. Wenn der Verfassungsschutz neue Kategorien wie die „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ einführe, können politische Proteste, die weder gewaltsam noch extremistisch sind, als verdächtig eingestuft werden. Die so produzierten Zahlen würden anschließend in Studien als Beleg einer wachsenden Gefahr herangezogen. Für Kruse entsteht dadurch ein Kreislauf, in dem Politik, Behörden und veröffentlichte Meinung sich gegenseitig bestätigen und eine Bedrohungslage konstruieren, die in dieser Form gesellschaftlich nicht existiere.
Aus dieser Analyse leitet er eine alternative Diagnose der Lage ab. Nach seiner Auffassung ist das, was Politik und Teile der Wissenschaft als Radikalisierung deuten, in Wirklichkeit eine rationale Reaktion auf gebrochene Leistungsversprechen, eine spürbare Gerechtigkeitslücke im Sozialstaat und den Verlust institutioneller Neutralität. Kruse beschreibt die wachsende Unzufriedenheit vieler Bürger als Folge materieller Belastungen und politischer Fehlentscheidungen, etwa im Bereich der Migrationspolitik, der Energiepolitik oder der sozialen Sicherungssysteme. Wenn Menschen, die jahrzehntelang eingezahlt haben, im Alter kaum mehr erhalten als neu Zugewanderte, oder wenn staatliche Regelungen Eigentum entwerten und Lebenshaltungskosten erhöhen, dann handelt es sich für ihn nicht um psychologische Verrohung, sondern um einen absehbaren Vertrauensverlust.
Auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und staatlich finanzierte NGOs nimmt Kruse in den Blick. Er schildert, dass viele Bürger diese Institutionen nicht mehr als neutrale Vermittler wahrnehmen, sondern als Akteure mit klarer politischer Haltung. Wenn Kritik an Migration, Klimapolitik oder Gender-Sprache reflexartig als Menschenfeindlichkeit oder Verschwörungsdenken bewertet werde, während regierungsnahe Positionen moralisch überhöht würden, entstehe ein Gefühl des Ausschlusses. Dies wirke nicht deeskalierend, sondern verstärke die Polarisierung, die man offiziell zu bekämpfen vorgibt.
Vor diesem Hintergrund formuliert Kruse konkrete Vorschläge für eine Kurskorrektur hin zu einer realistischeren, sachorientierten und demokratisch robusten Politik. Aus seiner Sicht braucht es keine pädagogische Behandlung der Bürger, sondern eine Rückkehr zu Leistungsgerechtigkeit im Sozialstaat, institutioneller Neutralität und einem politischen Diskurs, der Kritik wieder als legitimen Bestandteil der Demokratie anerkennt. Die Entpolitisierung von Behörden, die Reform der Medienlandschaft hin zu echter Pluralität und eine sozialstaatliche Politik, die die arbeitende Mitte nicht überfordert, seien zentrale Bausteine, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Am Ende seiner Ausführungen steht die klare These, dass nicht die Bevölkerung radikalisiere, sondern politische und gesellschaftliche Eliten den Kontakt zur Realität verloren hätten. Die Krise sei keine Krise der Demokratie im Volk, sondern eine Krise der demokratischen Vermittlung durch Institutionen, die ihre Neutralität und Glaubwürdigkeit zunehmend aufs Spiel setzten. Kruse plädiert für eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien des liberalen Rechtsstaates, auf die Anerkennung berechtigter Interessen und auf eine offene Streitkultur, die Differenz nicht als Gefahr, sondern als Grundlage demokratischer Erneuerung versteht.
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Soft Skill Rating: Vom Projektstart zur baldigen Veröffentlichung
Von Dr. Oliver Everling | 10.Dezember 2025
Was im März 2025 als mutige Idee begann, hat sich in kürzester Zeit zu einem Meilenstein entwickelt: Der Sammelband „Soft Skill Rating – Training und Management sozialer Kompetenz“ steht nun kurz vor seiner Veröffentlichung im Verlag Springer Gabler. Unter der Herausgeberschaft von Dr. Oliver Everling und Dominik Wever haben mehr als 30 Expertinnen und Experten innerhalb weniger Monate ein Werk geschaffen, das Wissenschaft und Praxis gleichermaßen voranbringen wird.
Die Geschwindigkeit, mit der dieses Projekt realisiert wurde, ist bemerkenswert – gerade weil es sich nicht um ein Nischenthema handelt, sondern um eine zentrale Frage moderner Arbeits- und Führungskultur. Soft Skills werden hier nicht länger als schwer fassbare „weiche Faktoren“ verstanden, sondern als Schlüsselressourcen für Unternehmen, Teams und ganze Organisationen. Die Beiträge decken ein breites Spektrum ab: von Resilienz und Energiemanagement über generationenübergreifende Zusammenarbeit bis hin zum Einfluss sozialer Kompetenzen auf Finanztransaktionen, Start-up-Investitionen und internationale Kooperationen.
Besonders innovativ ist die Kombination klassischer Bewertungsinstrumente mit neuen technologischen Verfahren. Künstliche Intelligenz, Sprachanalysen, Video- und Emotionserkennung sowie immersive Trainingsumgebungen in Virtual Reality eröffnen neue Wege, Soft Skills objektiver, vergleichbarer und skalierbarer zu erfassen. Gleichzeitig wird betont, dass Menschlichkeit, Ethik und Akzeptanz im Zentrum jeder Entwicklung stehen müssen.
Dass ein solches Werk in so kurzer Zeit entstehen konnte, liegt am außergewöhnlichen Engagement aller Beteiligten. Autorinnen und Autoren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Beratung, Start-ups und Institutionen haben ihre Expertise gebündelt, um ein Referenzwerk zu schaffen, das praxisnah, innovativ und zukunftsweisend ist.
Mit der nun bevorstehenden Veröffentlichung wird deutlich: Innerhalb 9 Monaten ist aus einer Idee ein Standardwerk geworden, das Soft Skills aus der Grauzone subjektiver Einschätzungen herausführt und sie als gestaltbare, bewertbare und strategisch nutzbare Erfolgsfaktoren etabliert.
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Strategische Vermögensbewertungen: Die Schlüsselrolle im Finanzsektor der Zukunft
Von Dr. Oliver Everling | 9.Dezember 2025
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Marktlage im Jahr 2026: Ein Überblick
Der Finanzsektor steht im Jahr 2026 vor erheblichen Veränderungen. Die Dynamik an den globalen Finanzmärkten hat neue Höhen erreicht, wobei technologische Innovationen und geopolitische Entwicklungen eine zentrale Rolle spielen. In diesem Kontext gewinnen strategische Vermögensbewertungen zunehmend an Bedeutung. Diese Bewertungen sind entscheidend, um die Performance von Finanzinstituten zu bestimmen und deren Ratings zu beeinflussen. Ratings sind für Banken und Investmentgesellschaften essenziell, da sie die Kreditwürdigkeit und die Risikoeinschätzung widerspiegeln, was letztlich die Konditionen für Kapitalbeschaffung und Investitionen beeinflusst.
Die globalen Märkte zeigen eine zunehmende Volatilität, die durch politische Ungewissheiten und wirtschaftliche Verschiebungen getrieben wird. Einer der Hauptfaktoren, der die Marktlage prägt, ist der technologische Fortschritt, insbesondere im Bereich FinTech. Neue Technologien ermöglichen effizientere Bewertungen und Analysen von Vermögenswerten, was die Transparenz und Genauigkeit der Finanzberichterstattung erhöht. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Ratings, da präzisere Daten zu einer realistischeren Einschätzung der Risiken und Chancen führen.
Zusätzlich zu den technologischen Einflüssen spielen auch regulatorische Änderungen eine wichtige Rolle. Die Einführung strengerer Vorschriften zur Risikobewertung und Kapitalausstattung zwingt Finanzinstitute dazu, ihre Bewertungsstrategien kontinuierlich zu überdenken und anzupassen. Diese regulatorischen Veränderungen zielen darauf ab, die Stabilität des Finanzsystems zu erhöhen und das Vertrauen der Anleger zu stärken.
Analyse von Vermögensbewertungen und deren Einfluss auf Ratings
Strategische Vermögensbewertungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Finanzanalyse und haben einen direkten Einfluss auf die Ratings von Finanzinstituten. Eine fundierte Bewertung der Vermögenswerte ermöglicht es Institutionen, ihre finanzielle Gesundheit und den potenziellen ROI (Return on Investment) besser zu verstehen. Dies ist entscheidend, um den Anforderungen der Ratingagenturen gerecht zu werden und ein positives Rating zu erhalten.
Die Bewertung von Vermögenswerten umfasst mehrere Aspekte, darunter die Analyse von Cashflows, Marktbedingungen und zukünftigen Wachstumschancen. Es ist wichtig, sowohl quantitative als auch qualitative Faktoren zu berücksichtigen, um eine umfassende Bewertung zu gewährleisten. Quantitative Analysen konzentrieren sich auf finanzielle Kennzahlen wie die Rendite und das Risiko, während qualitative Analysen die Marktposition und das Management der Institution bewerten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Berücksichtigung von Marktdaten und Trends. Historische Daten bieten wertvolle Einblicke in die Leistung von Vermögenswerten und deren potenzielle Entwicklung. Diese Daten werden häufig in Form von Charts und Diagrammen dargestellt, um Muster und Anomalien zu erkennen, die die Bewertungen beeinflussen können.
Im Folgenden einige der wichtigsten Faktoren, die bei der Vermögensbewertung berücksichtigt werden sollten:
- Marktliquidität: Die Fähigkeit, Vermögenswerte schnell und ohne signifikante Preisnachlässe zu verkaufen.
- Volatilität: Maß für die Schwankungsbreite der Preise eines Vermögenswertes, was zur Risikoabschätzung beiträgt.
- Zinsumfeld: Einfluss der aktuellen Zinssätze auf die Bewertung von festverzinslichen Wertpapieren.
Strategien zur Optimierung von Vermögensbewertungen
Die Entwicklung effektiver Strategien zur Vermögensbewertung erfordert eine Kombination aus technologischer Innovation und fundierter Marktkenntnis. Eine der vielversprechendsten Ansätze ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und maschinellem Lernen, um große Datenmengen zu analysieren und präzise Vorhersagen über die Wertentwicklung von Vermögenswerten zu treffen.
Durch den Einsatz von KI können Finanzinstitute Muster und Trends identifizieren, die menschliche Analysten möglicherweise übersehen würden. Dies ermöglicht eine genauere Risikobewertung und verbessert die Entscheidungsfindung. Darüber hinaus können Algorithmen zur Datenanalyse verwendet werden, um die Effizienz von Bewertungsprozessen zu steigern und die Genauigkeit der Ergebnisse zu erhöhen.
Ein weiterer strategischer Ansatz ist die Diversifikation der Vermögenswerte. Durch die Streuung von Investitionen über verschiedene Anlageklassen und geografische Regionen können Risiken minimiert und die Chancen auf eine höhere Rendite verbessert werden. Dies ist besonders wichtig in einem volatilen Marktumfeld, in dem einzelne Vermögenswerte starken Schwankungen unterliegen können.
Zudem spielt die Schweizer Vermögensverwaltung eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Bewertungsstrategien. Die langjährige Erfahrung und das Fachwissen in der Vermögensverwaltung machen die Schweiz zu einem Vorreiter in der Anwendung innovativer Bewertungsmethoden.
Risikobewertung und deren Einfluss auf Ratings
Eine präzise Risikobewertung ist entscheidend, um die Gesundheit eines Finanzinstituts zu beurteilen und dessen Ratings zu beeinflussen. Die Risikobewertung umfasst die Analyse potenzieller Bedrohungen und Unsicherheiten, die die finanzielle Stabilität beeinträchtigen können. Dazu gehören Marktrisiken, Kreditrisiken und operationelle Risiken.
Marktrisiken beziehen sich auf die potenziellen Verluste aufgrund von Preisänderungen auf dem Markt. Diese Risiken können durch Faktoren wie Zinsänderungen, Wechselkursschwankungen und Rohstoffpreise beeinflusst werden. Kreditrisiken entstehen, wenn Kreditnehmer ihre Verpflichtungen nicht erfüllen können, während operationelle Risiken aus internen Prozessen und Systemen resultieren.
Ein fundierter Ansatz zur Risikobewertung beinhaltet die Verwendung von Szenarioanalysen und Stresstests. Diese Methoden ermöglichen es Finanzinstituten, potenzielle Risiken zu quantifizieren und Strategien zur Risikominderung zu entwickeln. Szenarioanalysen simulieren verschiedene Marktsituationen, um die Auswirkungen auf die Vermögenswerte zu bewerten, während Stresstests extreme Marktbedingungen nachahmen, um die Widerstandsfähigkeit der Institution zu testen.
Die folgende Tabelle zeigt einige der wichtigsten Faktoren, die bei der Risikobewertung berücksichtigt werden sollten:
| Risikofaktor | Beschreibung | Einfluss auf Ratings |
| Marktrisiko | Schwankungen der Marktpreise | Hoher Einfluss |
| Kreditrisiko | Ausfallrisiken von Kreditnehmern | Moderater Einfluss |
| Operationelles Risiko | Risiken aus internen Prozessen und Systemen | Geringer Einfluss |
Die Ergebnisse dieser Analysen haben direkte Auswirkungen auf die Ratings von Finanzinstituten. Eine präzise Risikobewertung verbessert das Verständnis der finanziellen Gesundheit und erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein positives Rating zu erhalten. Dies wiederum beeinflusst die Konditionen für Kapitalbeschaffung und Investitionen erheblich.
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Wie sich der Westen mit seinem Konfrontationskurs gegen China doppelt schwächen könnte
Von Dr. Oliver Everling | 9.Dezember 2025
Die politischen und wirtschaftlichen Strategien des Westens gegenüber China folgen zunehmend einem konfrontativen Kurs: Handelshemmnisse, Exportkontrollen, Anreize zur heimischen Produktion, „De-Risking“ und die Suche nach neuen Absatzmärkten in Schwellenländern sollen die Abhängigkeit vom Reich der Mitte reduzieren. Doch dieser Ansatz birgt eine paradoxe Gefahr: Indem China auf die westliche Abschottung mit einer aggressiven Verlagerung seiner Export- und Produktionskapazitäten in Entwicklungs- und Schwellenländer reagiert, könnte der Westen am Ende nicht nur China weniger schwächen als gehofft, sondern unerwartet auch sich selbst.
Der Blick auf das, was Alexandra Stevenson den „zweiten China-Schock“ nennt, zeigt, warum.
Vor rund zwanzig Jahren lud der Westen den ersten China-Schock quasi selbst ein. Unternehmen aus Europa und den USA verlagerten ihre Produktion nach China, wo billige Arbeitskräfte und gigantische industrielle Kapazitäten die Kosten radikal senkten. China wurde zur verlängerten Werkbank des globalen Nordens. Ganze Industrien brachen in den USA und Europa ein, Millionen Arbeitsplätze verschwanden, und politische Spannungen wirken bis heute nach.
Der zweite China-Schock sieht anders aus und folgt einer neuen Logik. Da chinesische Produkte aufgrund von Zöllen und geopolitischen Spannungen in den USA schlechtere Absatzchancen haben und der heimische Konsum in China nicht stark genug wächst, richtet Peking seine Überkapazitäten zunehmend auf die Entwicklungsländer aus. Gleichzeitig baut China Fabriken direkt in diesen Ländern auf, nicht selten um US-Zölle zu umgehen.
Für viele dieser Staaten ist die Abhängigkeit von einer funktionierenden lokalen Industrie groß. Und genau diese Industrie trifft der neue China-Schock mit voller Wucht. In Indonesien gingen in den letzten zwei Jahren nach Schätzungen mehr als 300.000 Arbeitsplätze in Textil- und Bekleidungsfabriken verloren, da billigere chinesische Importe den Markt überfluteten. In Thailand warnte die Zentralbank jüngst vor der zunehmenden „Überflutung“ südostasiatischer Märkte durch chinesische Exporte. Afrikanische Staaten wiederum verzeichnen rasant steigende Importmengen aus China – allein im September erreichten sie 60 Milliarden Dollar und übertrafen damit bereits das gesamte Vorjahresniveau.
Dabei geht es nicht mehr nur um billige Konsumgüter. China exportiert zunehmend auch seine Fabriken – und trifft damit lokale Industrien mit doppelter Wucht. Vietnam profitiert davon bisher, da arbeitsintensive Branchen wie Möbel oder Schuhe tatsächlich Arbeitsplätze schaffen. Malaysia hingegen zeigt die Risiken: Chinesische Solargiganten bauten immense Produktionsstätten auf, verdrängten die lokale Industrie – bis US-Zölle den Exportstrom stoppten. Die chinesischen Fabriken wurden stillgelegt, und Malaysias eigener Solarsektor liegt heute weitgehend am Boden.
Diese Art von strukturellem Schaden trifft Länder mit jungen Bevölkerungen und ohnehin fragilen industriellen Ökosystemen besonders hart. Damit entsteht ein geopolitisches Paradox: Der Westen sucht in den Schwellenländern neue Produktionsstandorte und wachsende Absatzmärkte, um sich von China zu lösen. Doch genau diese Länder geraten durch die chinesische Exportoffensive wirtschaftlich unter Druck – ihre Industrien schrumpfen, ihre Beschäftigung erodiert, und ihre politische Stabilität wird fragiler. Staaten, die der Westen als künftige Partner sieht, könnten dadurch strukturell geschwächt werden. Zugleich könnten ihnen die Mittel fehlen, um zu den erhofften Wachstumsmärkten aufzusteigen, die Europas und Amerikas Unternehmen dringend brauchen, wenn Absatzmärkte in China wegbrechen.
Das Ergebnis wäre eine doppelte Schwächung: China kompensiert die Verluste im Westen durch Gewinne im globalen Süden, während der Westen nicht nur von China entkoppelt, sondern auch von denjenigen Märkten enttäuscht wird, die seine Abhängigkeit verringern sollten.
Der erste China-Schock hatte tiefgreifende soziale und politische Folgen im Westen. Der zweite könnte dieselbe Wirkung in Schwellenländern entfalten – mit Rückkopplungseffekten, die auch den Westen treffen. Denn eine Welt, in der lokale Industrien in Afrika und Asien kollabieren, in der soziale Spannungen zunehmen und politische Instabilität wächst, ist nicht nur ein geopolitisches Problem. Sie ist auch eine Welt, in der der Westen weniger Absatzmärkte, weniger Partner und weniger wirtschaftliche Dynamik findet.
China selbst hat aus dem ersten Schock gelernt und nutzt diese Erfahrung nun, um global seinen Einfluss auszubauen. Der Westen hingegen riskiert durch seinen Konfrontationskurs, dass der Versuch, China einzudämmen, am Ende seine eigenen strategischen Ziele untergräbt.
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Wenn Vergangenheit gegenwärtig wird: Siebenbürgens Stimme im Wiener Reichsrat
Von Dr. Oliver Everling | 6.Dezember 2025
Die politische Geschichte Europas im 19. Jahrhundert ist geprägt von nationalen Aufbrüchen, Umbrüchen und intensiven Aushandlungsprozessen. Weniger im allgemeinen Bewusstsein verankert ist jedoch die Rolle, die das Wiener Reichsparlament für jene Regionen spielte, die fernab der Metropole lagen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist Siebenbürgen. Zwischen 1863 und 1865 entsandte diese historisch komplexe Region eine Gruppe rumänischer und sächsischer Abgeordneter sowie Herrenhausmitglieder in den österreichischen Reichsrat. Ihre Tätigkeit fiel in eine Phase, in der die rumänische Bevölkerungsmehrheit erstmals spürbare Möglichkeiten erhielt, ihre politischen Anliegen auf imperialer Bühne sichtbar zu machen und ihre lange geforderte Gleichstellung mit Ungarn, Szeklern und Sachsen zu artikulieren.
Die Reden, die diese siebenbürgischen Parlamentarier in Wien hielten, zeugen von erstaunlicher Modernität. Sie verhandelten Fragen, die wir auch heute in europäischen Institutionen wiederfinden: gerechte Steuerstrukturen, Infrastrukturprojekte, Bildungs- und Sprachenpolitik, Rohstoffverwaltung sowie die Notwendigkeit, regionale Interessen gegenüber einem machtvollen Zentrum selbstbewusst zu vertreten. Immer wieder stand die Forderung nach Gleichberechtigung im Mittelpunkt – eine Forderung, die nicht nur nationale Selbstbehauptung bedeutete, sondern auch ein frühes Bewusstsein für eine faire politische Teilhabe in einem vielsprachigen und vielkulturellen Gemeinwesen.
Diese Episode der Geschichte besitzt gerade heute eine besondere Aktualität. Sie zeigt, wie schwierig, aber auch wie fruchtbar der Versuch sein kann, unterschiedliche Regionen und Identitäten in einem gemeinsamen politischen Raum miteinander zu verbinden. Die transsilvanischen Abgeordneten standen vor denselben Herausforderungen, die auch das heutige Europa prägen: dem Spannungsverhältnis zwischen Zentrum und Peripherie, dem Ausgleich historisch gewachsener Ungleichheiten und dem Bemühen, politische Beteiligung trotz sprachlicher und kultureller Vielfalt zu sichern. In diesem Sinne erscheinen sie rückblickend als Pioniere einer europäischen Verständigung, die damals noch keinen Namen hatte.
Ein vertiefter Blick in diese weitgehend vergessene, aber hochinteressante Phase wird durch das Buch „Transsilvanien in Wien. Die Parlamentarier aus Siebenbürgen im österreichischen Reichsrat 1863–1865“ ermöglicht, herausgegeben von Ștefan-Sorin Mureșan und Günther Schefbeck. Der Band, erschienen bei Springer VS im Jahr 2025, enthält grundlegende Studien zur Verfassungsentwicklung, zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und zum Landtag von 1863–1864 sowie ausführliche Biographien und erstmals vollständig edierte Reden der siebenbürgischen Abgeordneten und Herrenhausmitglieder. Es ist ein Werk, das die damaligen politischen Debatten nicht nur dokumentiert, sondern ihnen ihre historische Tiefe und Bedeutung zurückgibt und das Verhältnis zwischen Siebenbürgen und Wien in ein neues Licht rückt.
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Thyssenkrupp Stahlrestrukturierung: Kredit- und Arbeitsmarktanalyse von martini.ai
Von Dr. Oliver Everling | 4.Dezember 2025
Die Analyse von martini.ai, verfasst von Rajiv Bhat, beschäftigt sich mit der umfassenden Restrukturierung des Stahlgeschäfts von Thyssenkrupp und deren Auswirkungen auf Kreditwürdigkeit und Arbeitsmarkt. Laut martini.ai ist Thyssenkrupp eine der kreditempfindlichsten Industriestorys Europas. IG Metall bestätigt, dass Zwangsentlassungen ein „letzter Ausweg“ bleiben, sie aber grundsätzlich möglich sind. Das Unternehmen signalisiert damit tiefgreifende Kostensenkungen in einem kapitalintensiven, hoch verschuldeten Bereich, der zentral für das Kreditprofil von Thyssenkrupp ist. Für Kreditmanager werden Arbeitskosten, Investitionspläne und Verschuldungskennzahlen eines systemrelevanten europäischen Industriekonzerns beeinflusst, mit Auswirkungen auf Lieferanten, Banken und Anleihegläubiger.
Die Kreditkennzahlen des Unternehmens zeigen nach martini.ai starke Schwankungen. Der 5‑Jahres-Z‑Spread stieg von etwa 1,56 % im Mai 2024 auf fast 6,98 % im Oktober 2024, als die Märkte Zweifel hatten, ob das Stahlgeschäft ohne größere finanzielle Probleme restrukturiert werden kann. Seither haben sich die Spreads auf rund 2,60 % verringert, das martini.ai Letter Rating verbesserte sich von B4 auf B2, und die einjährige Ausfallwahrscheinlichkeit sank von einem Höchstwert von 1,00 % auf etwa 0,18 %, bleibt aber mehr als doppelt so hoch wie der Tiefstwert von 0,08 % Anfang 2024. Dies zeigt, dass Worst-Case-Szenarien vorerst abgewendet wurden, Thyssenkrupp aber weiterhin im High-Yield-Bereich mit fragiler Kreditreserve verbleibt.
Die Vereinbarung mit IG Metall vom Dezember 2025 sieht laut martini.ai eine tiefgreifende, mehrjährige Überholung des Stahlbereichs vor. Geplant ist der Abbau oder die Auslagerung von rund 11.000 Arbeitsplätzen, etwa 40 % der Stahlbelegschaft, innerhalb von fünf Jahren, während die jährliche Stahlkapazität von 11,5 Millionen Tonnen auf etwa 8,7 bis 9 Millionen Tonnen reduziert werden soll. Da formale Zwangsmaßnahmen vermieden werden, setzt das Unternehmen auf teure freiwillige Programme und interne Umsetzungen, was die kurzfristigen Restrukturierungskosten erhöht, gleichzeitig aber die Kostenbasis senken soll. Diese Maßnahmen folgen auf aufeinanderfolgende hohe Verluste von rund 1,5 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2023/24, einem Rückgang des operativen Stahlgewinns um 18 % und einem jüngsten Quartal mit einem Nettoverlust von 255 Millionen Euro sowie einem Umsatzrückgang im Stahlbereich von 13 % im Vergleich zum Vorjahr.
Trotz der operativen Belastung verfügt Thyssenkrupp laut martini.ai über eine ungewöhnlich starke Konzernbilanz. Ende 2024 hielt das Unternehmen rund 5,7 Milliarden Euro an Barmitteln gegenüber 1,4 Milliarden Euro Schulden, was einem Nettoguthaben von etwa 4,3 Milliarden Euro entspricht. Die niedrigen Verschuldungskennzahlen stehen im Vergleich zu vielen Industriekonkurrenten gut da. Der freie Cashflow von rund 323 Millionen Euro, mehr als das Doppelte des ausgewiesenen EBIT, und zugesagte Restrukturierungsfinanzierung bis 2030 geben dem Management Zeit für die Umsetzung. Dennoch bleibt das Stahlgeschäft strukturell unrentabel, belastet durch schwache europäische Nachfrage, hohe Energiekosten und starken asiatischen Wettbewerb, während gleichzeitig hohe Investitionen für ein grünes DRI-Werk in Duisburg nötig sind, um die Dekarbonisierungsziele 2030 zu erreichen.
Die martini.ai-Analyse skizziert drei Kredit-Szenarien für Thyssenkrupp. Im Basisszenario (ca. 60 % Wahrscheinlichkeit) stabilisieren sich die Spreads im Bereich von 250 bis 350 Basispunkten bei einem Rating von B2/B3, die Stahlverluste verringern sich allmählich, bleiben aber bis etwa 2027/28 unrentabel, während die Refinanzierungsrisiken durch die Nettobarmittel des Konzerns begrenzt werden. Im Abschwung-Szenario (30 % Wahrscheinlichkeit) könnten sich die Spreads wieder auf 400 bis 600 Basispunkte ausweiten, das Rating auf B4/C1 fallen, wenn Restrukturierungskosten steigen, Zeitpläne verzögert werden oder Stahlverluste die Liquidität belasten, was möglicherweise Verkäufe von Vermögenswerten oder Kapitalerhöhungen erforderlich machen würde. Das Aufschwung-Szenario (10 % Wahrscheinlichkeit) sieht eine Straffung der Spreads auf 150 bis 200 Basispunkte vor, falls die Nachfrage im Automobil- und Bausektor wieder anzieht, das geplante Joint Venture schneller Synergien liefert und Preismacht im Bereich „grüner Stahl“ entsteht.
Für Kreditverantwortliche stellt die Stahlrestrukturierung laut martini.ai einen Test dar, wie weit eine starke Konzernbilanz einen strukturell schwachen Kernbereich ausgleichen kann. Wichtige Beobachtungspunkte sind der quartalsweise Cash-Burn des Stahlgeschäfts im Verhältnis zur Konzernliquidität, die Umsetzung von Stellenabbau und Kapazitätsreduktionen, die Entwicklung des Auftragseingangs sowie die Disziplin bei Investitionen in das DRI-Werk. Die Spreads bleiben deutlich breiter als bei besser positionierten europäischen Industriekonkurrenten, was zeigt, dass der Markt weiterhin eine Prämie für Thyssenkrupps Umsetzung und Sektorrisiko verlangt. Entlassungen und Investitionskürzungen können die Verschuldung stabilisieren und Zeit verschaffen, doch ohne nachhaltige Nachfragebelebung oder glaubwürdige Wirtschaftlichkeit des grünen Stahls wird das Stahlgeschäft von Thyssenkrupp laut martini.ai über Jahre hinweg eine High-Yield-Kreditstory bleiben.
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Souverän durch Technologie: Wie die DZ Bank ihre digitale Unabhängigkeit neu definiert
Von Dr. Oliver Everling | 3.Dezember 2025
Die Closing Keynote von Dr. Christian Brauckmann, Mitglied des Vorstands der DZ Bank, setzte auf der Handelsblatt-Tagung BankenTech 2025 ein markantes Ausrufezeichen hinter zwei Themen, die die Branche für das kommende Jahrzehnt prägen werden: digitale Souveränität und die Fähigkeit, technologische Innovation kontrolliert, sicher und effizient zu skalieren. Sein Vortrag machte deutlich, dass Banken technologische Fortschritte nicht nur adaptieren, sondern aktiv gestalten müssen, wenn sie ihre Unabhängigkeit wahren und zugleich die Erwartungen eines zunehmend digitalen Finanzmarkts erfüllen wollen.
Brauckmann skizzierte die Strategie der DZ Bank entlang eines klaren Grundsatzes: Abhängigkeiten reduzieren, Innovation steigern. Dies zeigt sich besonders in der Modelloffenheit der hauseigenen GenAI-Plattform, auf der Lösungen wie der DZ Chat betrieben werden. Die Bank setzt bewusst auf verschiedene Anbieter, um technologische Flexibilität zu sichern und Exit-Strategien jederzeit möglich zu halten. Diese Offenheit schützt nicht nur vor Lock-in-Effekten, sondern erlaubt es auch, stets die besten Modelle und Technologien einzusetzen, ohne langfristig an einen Hyperscaler oder ein proprietäres Ökosystem gebunden zu sein.
Von zentraler Bedeutung ist für Brauckmann die Frage, wo und wie Daten verarbeitet werden. Die DZ Bank verfolgt deshalb eine Cloud-Strategie, die auf Rechenzentren in Europa setzt und die regulatorische wie technologische Souveränität in den Mittelpunkt stellt. Europäische Standorte für Datenhaltung und Compute sind kein politisches Statement, sondern eine geschäftskritische Notwendigkeit, um langfristige Sicherheit, Compliance und Kontrolle zu garantieren. Gleichzeitig erlaubt diese Architektur die konsequente Umsetzung von Exit-Szenarien, sollte sich die Abhängigkeit von einem Cloud-Anbieter technologisch oder geopolitisch als kritisch erweisen.
Das Herzstück dieser Strategie bildet das Zielbild der Virtual Hybrid IT-Infrastructure. Brauckmann beschreibt es als hochstandardisierte, übergreifende Plattform, die Cloud-Umgebungen und eigene Rechenzentren so miteinander verbindet, dass Anwendungen immer dieselbe Umgebung vorfinden – unabhängig davon, wo sie tatsächlich betrieben werden. Die IT bestimmt dynamisch den optimalen Ausführungsort, während die Anwendungen einheitliche Operations- und Runtime-Plattformen nutzen können, basierend auf Containern, virtuellen Maschinen und standardisierten Integrations- und Datenbankdiensten. Zero-Trust-Ansätze sichern die Perimeter, während eine konsolidierte Netzwerkarchitektur die Komplexität reduziert.
Dieses Modell ermöglicht Effizienz durch Arbeitsteilung, Kostenvorteile durch intelligente Steuerung von Compute-Kapazitäten und eine signifikante Verringerung technologischer Komplexität. Die Bank schafft damit eine Infrastruktur, die flexibel skaliert, regulatorisch sauber bleibt und Innovation nicht behindert, sondern beschleunigt.
Besonders eindrücklich wurde Brauckmanns Souveränitätsverständnis im Blick auf den Zahlungsverkehr. Während viele Wettbewerber ihre Infrastruktur an externe Dienstleister ausgelagert haben, ist die DZ Bank bewusst den gegenläufigen Weg gegangen und hat den Zahlungsverkehr zurück ins eigene Haus geholt. Damit setzt sie ein starkes Signal: kritische Kerninfrastruktur gehört in die eigene Verantwortung, weil sie zentrale Grundlage für Stabilität, Sicherheit und Unabhängigkeit ist.
Der Single Euro Payments Area (SEPA) war „ein riesengroßer Schritt hin zu europäischer Souveränität“, so Brauckmann, weil es erstmals gelungen ist, den Zahlungsverkehr im gesamten Euroraum zu vereinheitlichen und damit eine eigenständige, robuste Infrastruktur zu schaffen, die nicht von außereuropäischen Systemen abhängig ist. Indem Überweisungen und Lastschriften in Europa genauso einfach und effizient funktionieren wie nationale Zahlungen, wurde ein Binnenmarkt für Zahlungsdienste geschaffen, der Effizienzgewinne, Wettbewerb und Innovation ermöglicht. SEPA hat die technische Grundlage gelegt, auf der heute Echtzeitverfahren, digitale Identitäten und neue europäische Zahlungslösungen aufbauen können. Vor allem aber hat SEPA gezeigt, dass Europa gemeinsame Standards schaffen kann, die wirtschaftliche Integration vertiefen und die strategische Autonomie stärken – ein Prinzip, das angesichts geopolitischer Spannungen und der Dominanz globaler Tech-Plattformen aktueller ist denn je.
Zum Abschluss wurde deutlich, dass Brauckmann nicht technologische Euphorie predigt, sondern strategische Konsequenz. GenAI, Cloud und moderne Zahlungsverkehrsplattformen sind für ihn keine isolierten Innovationen, sondern Bausteine einer Zukunft, in der Banken nur dann erfolgreich bleiben, wenn sie ihre technologische Basis selbst beherrschen. Die DZ Bank setzt dafür auf Diversifikation, europäische Infrastruktur, klare Governance und eine IT-Architektur, die Wandel nicht nur ermöglicht, sondern voraussetzt. Damit lieferte Brauckmann einen kraftvollen Impuls für die gesamte Branche: Souveränität entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch bewusste, strategische Gestaltung technologischer Abhängigkeiten – und durch den Mut, kritische Infrastruktur in die eigene Hand zu nehmen.
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Digitaler Euro als strategisches Zukunftsprojekt digitaler Finanzsouveränität
Von Dr. Oliver Everling | 3.Dezember 2025
Auf der Handelsblatt-Tagung BankenTech 2025 rückte eines der strategisch wichtigsten Projekte für Europas finanzielle Zukunft ins Zentrum: der digitale Euro. Im Gespräch mit Elisabeth Atzler, Bankenkorrespondentin des Handelsblatts, erläuterte Dr. Heike Winter, Bereichsleiterin Analyse, Policy und Ökosystem Digitaler Euro bei der Deutschen Bundesbank, warum es dabei um weit mehr geht als nur um ein zusätzliches Zahlungsmittel. Der digitale Euro ist ein geopolitisches und wirtschaftliches Schlüsselprojekt, das Europas digitale Finanzsouveränität stärken soll – in einer Welt, in der große Technologiekonzerne und ausländische Zahlungssysteme zunehmend Infrastruktur und Standards bestimmen.
Warum Europa einen digitalen Euro braucht, wie eine solche Form digitalen Zentralbankgelds im Alltag funktionieren könnte und welche Rolle Banken künftig in diesem neuen Ökosystem einnehmen werden, darüber sprach Winter mit präziser Klarheit. Ihr Beitrag setzte einen zentralen Akzent im Programm der BankenTech 2025: Er machte deutlich, dass technologische Innovation im Finanzsektor nur dann nachhaltig sein kann, wenn sie auf einem souveränen, stabilen und vertrauenswürdigen Fundament aufbaut – und genau dieses Fundament soll der digitale Euro schaffen.
Souveränität, Effizienz und Resilienz – das sind nach Winter die drei zentralen Schlagworte, die den digitalen Euro begründen. Es soll ein Zahlungsmittel entstehen, das im gesamten Euroraum digital nutzbar ist und auch in Notsituationen funktionsfähig bleibt. Resilienz stand anfangs nicht im Mittelpunkt, rückte jedoch insbesondere durch die baltischen Staaten stärker in den Fokus, die die Offline-Fähigkeit als unverzichtbares Element der Krisenvorsorge betrachten.
Anpassungen werden notwendig sein, unter anderem im Blick auf Drittdienstleister, das sogenannte Wasserfallmodell und das Haltelimit – alles Punkte, über die der EU-Rat noch entscheiden muss. Winter geht jedoch nicht davon aus, dass die EU-Finanzminister ECOFIN-Rat „Wirtschaft und Finanzen“ am 12. Dezember 2025 das Haltelimit bereits in dieser Phase mit einer konkreten Zahl festlegen werden.
Winter erläuterte zudem, dass PayPal seine Banklizenz nicht in gleicher Weise für den Zahlungsverkehr nutzt wie klassische Banken. Für große Technologieunternehmen sei der Erwerb einer Banklizenz in Europa nicht schwierig, betonte sie: „Für uns ist es schwierig, aber nicht für die.“ Zugleich relativierte sie mögliche Veränderungen für Big-Tech-Unternehmen durch die Einführung des digitalen Euro und stellte klar, dass dieser keine radikalen Einschnitte für deren Geschäftsmodelle bedeute.
Der digitale Euro sei nicht einfach ein Verrechnungssystem, betonte Winter. Vielmehr werde der Euro in einer neuen Form herausgegeben. Banken hätten den digitalen Euro zwar nicht von Beginn an begeistert aufgenommen, hätten den Prozess inzwischen jedoch konstruktiv begleitet.
Besonders hervor hob Winter die höhere Privatsphäre im Offline-Modus. Die Bank sehe nur, wie viel Geld vom Konto abgehoben werde, aber nicht, wofür es verwendet wird. Eine begrenzte Form von Anonymität werde damit möglich. In manchen Kreisen sei lange die Ansicht vertreten worden, dass „offline“ niemand brauche. Mittlerweile habe sich jedoch eine spürbare Wertschätzung dafür entwickelt.
Zum Stand des Gesetzgebungsverfahrens erklärte Winter, dass der EU-Abgeordnete Fernando Navarrete Rojas zwar seinen Entwurf zur Positionierung des Parlaments vorgelegt habe, dieser aber noch nicht endgültig sei. Anschließend folge der Trilog, das informelle Verhandlungsverfahren zwischen Europäischem Parlament, Rat und Kommission, das eine politische Einigung beschleunigen soll. Die dort erarbeiteten Kompromisse müssten später noch formell bestätigt werden.
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Die unsichtbare Transformation der Finanzinfrastruktur
Von Dr. Oliver Everling | 3.Dezember 2025
Der Impuls „Die unsichtbare Transformation: Wie Infrastruktur-FinTechs für digitale Souveränität in Europas Investment-Bereich sorgen“ auf der Handelsblatt Tagung „BankenTech 2025″ machte deutlich, dass Europas Finanzmärkte längst von einer kaum sichtbaren, aber tiefgreifenden infrastrukturellen Abhängigkeit geprägt sind.
Max Linden, CEO von lemon.markets, und Chris Püllen, CEO von NaroIQ, skizzierten eindrucksvoll, wie stark globale Tech-Konzerne bereits heute zentrale Bausteine der europäischen Wertschöpfung dominieren – von Cloud-Diensten über Social-Media-Plattformen bis hin zu Zahlungstechnologien. Während die sicherheitspolitische Debatte über 5G und Huawei öffentlich geführt werde, bleibe die Diskussion über die Abhängigkeit der Finanzinfrastruktur fast unsichtbar, obwohl sie strategisch ebenso bedeutsam sei.
Linden und Püllen zeigten drei mögliche Zukunftsszenarien für Europas digitale Finanzarchitektur: eine vollständige Dominanz globaler Player, politische Ausschlüsse nicht-europäischer Anbieter oder – im ambitioniertesten Fall – europäische Technologieführerschaft.
Nur das dritte Szenario sichere langfristige digitale Souveränität, Innovationskraft und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Wie diese Vision praktisch aussehen kann, erläuterten die Referenten anhand einer Case Study zu NaroIQ. Der ETF-Markt wächst rasant, während klassische Publikumsfonds Marktanteile verlieren. Doch viele Kapitalverwaltungsgesellschaften können mangels moderner digitaler Infrastruktur keine eigenen ETF-Produkte anbieten. Auf ihren häufig veralteten, analogen Systemen lassen sich ETFs schlicht nicht effizient abbilden – ein struktureller Wettbewerbsnachteil, der die Abhängigkeit von wenigen großen, globalen ETF-Anbietern verstärkt.
NaroIQ setzt genau hier an: Das FinTech entwickelt ETF-Infrastruktur “made in Europe”, die es KVGen ermöglicht, auf ihrer bestehenden Systemlandschaft ETF-fähig zu werden. Damit entsteht eine souveräne europäische Alternative, die den Zugang zum ETF-Markt demokratisiert, Innovation fördert und Wettbewerb stärkt.
Der Impuls machte klar, dass die Zukunft nicht nur im sichtbaren Frontend des Bankings entschieden wird, sondern im unsichtbaren Backend – dort, wo Infrastruktur, Effizienz und Kontrolle über Datenströme den Spielraum für Innovation bestimmen. Europas Fähigkeit, eigene Infrastruktur-FinTechs aufzubauen und zu skalieren, wird damit zu einem entscheidenden Faktor für digitale Resilienz und wirtschaftliche Unabhängigkeit.
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