Widersprüchliches Verhalten oder Spaltung der Gesellschaft?

Von Dr. Oliver Everling | 12.August 2021

Deutschland ist zwar nicht das einzige, aber eben auch eines der Länder mit faszinierenden Widersprüchen: Während ein großer Teil der Vermögen auf Giro- und Sparkonten unverzinslich oder sogar bestraft mit Negativzinsen gehalten werden, statt in riskanteren Anlageformen Verwendung zu finden, widmet sich doch ein großer Teil der Bevölkerung dem Spiel der Wette.

Online-Glücksspiele erfreuen sich nämlich immer größerer Beliebtheit. Die Pandemie beschleunigte den ohnehin schon in Gang gesetzten Aufwärtstrend: 64 Prozent der Spieler investierten im Angesicht von Corona mehr Zeit und Geld in Glücksspiele im World Wide Web, wie aus einer neuen Infografik von Wette.de hervorgeht.

Längst sind es nicht mehr nur die Männer, die ihr Glück auf die Probe stellen – im Gegenteil. In den USA sind die Frauen beim Online-Glücksspiel sogar in der Mehrzahl, das Verhältnis liegt dort inzwischen bei 57 zu 43 Prozent. Wie die Infografik aufzeigt, erzielte die Branche im vergangenen Jahr weltweit Umsätze in Höhe von 66,67 Milliarden US-Dollar. Doch dies könnte erst der Anfang sein, gemäß aktuellen Prognosen soll der Umsatz bereits im Jahr 2026 die 100 Milliarden-Dollar-Marke überschreiten.

Einzelne Betreiber konnten zuletzt die Umsätze fulminant steigern. So setzte die Lotto24 AG im Corona-Krisenjahr 2020 88 Millionen Euro um, wohingegen es im Vorjahr lediglich 44 Millionen Euro waren. Gegenüber dem Jahr 2015 schlägt der Anstieg mit 550 Prozent zu Buche.

Europa steht für 49 Prozent des weltweiten Marktes. An zweiter Stelle steht Asien/Naher Osten mit 31 Prozent, wohingegen Nordamerika lediglich auf einen Marktanteil von 12 Prozent kommt. Auch in Deutschland steigt die Anzahl der Online-Glücksritter. Inzwischen geben bereits 27 Prozent der Bundesbürger Monat für Monat Geld für Wetten und Glücksspiele aus.

Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, ob sich die Gesellschaft zunehmend spaltet in solche Menschen, die risikofreudig ihr Geld „verspielen“, und solche, die ihr Geld auf Konten horten und Minuszinsen in Kauf nehmen, oder ob dieselben Menschen, die auf dem Bankkonto jedes Risiko scheuen, im Internet aber das Glück mit Risiko suchen.

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Zwei Unternehmensgruppen als Partner: Scope und Greensill

Von Dr. Oliver Everling | 11.August 2021

Georg Graf Waldersee, Aufsichtsratsvorsitzender der Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, hat inzwischen als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Berliner Ratingagentur namens „Scope SE & Co. KGaA“ seinen Hut genommen. Damit sind die Strukturen jedoch noch nicht grundlegend verändert, die bei dieser lokalen Agentur unter den Augen der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) zu den Fehlentwicklungen führten. Die zur Scope SE & Co. KGaA gehörige „Scope Ratings GmbH“ ist bei der Aufsichtsbehörde registriert.

In die bisherige Männerriege sind nun zwar zwei Frauen aufgenommen worden – wobei dafür, abgesenen von Georg Graf Waldersee, nicht von Männern Plätze freigegeben wurden, sondern der Aufsichtsrat nur erweitert wurde.

Georg Graf Waldersee hat es bei der Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft inzwischen mit einem Unternehmen zu tun, dessen Eigenkapital „auf der falschen Bilanzseite“ steht. Unter den größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften handelt es sich bei der Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft um die einzige, bei der dieser Fall im letzten Jahresabschluss eingetreten ist. Die bedrohliche Entwicklung war absehbar und wurde an dieser Stelle berichtet.

Ob der Abgang von Georg Graf Waldersee aber bereits ein Zeichen für ein Umdenken in der Scope Group zu sehen ist, bleibt offen. So fehlt beispielsweise im Insolvenzfall der Greensill Bank jedes Geständnis und jede Besserungsabsicht. Statt zu den fraglichen Geschäften Stellung zu nehmen, wurden Unternehmensmeldungen von Scope nachweislich gelöscht und von der öffentlichen Website entfernt. Ebenso verschwand ein Beiratsmitglied ohne Kommentar.

„Scope hat eine Vereinbarung mit Greensill geschlossen,“ hieß es am 7. Oktober 2019 in einer verschwundenen Pressemitteilung der Scope Group mit dem Titel „Greensill Bank signs innovative credit assessment deal with Scope“, mit Greensill, „einem führenden Anbieter von Betriebskapitalfinanzierungen für Unternehmen weltweit. Im Rahmen der Transaktion wird Scope ein wesentlicher Partner, der der Greensill Bank AG Kreditgutachten zur Verfügung stellt.“

Der Initiator des mehrschichtigen Berliner Geschäftsmodells ließ sich in der Mitteilung persönlich zitieren: „Wir freuen uns, dass sich die Greensill Bank für Scope als Partner bei der Bewertung der Kreditqualität entschieden hat. Scope arbeitet eng mit Kunden zusammen, um auf effiziente und skalierbare Weise Bonitätsprüfungen zu erstellen, die den aufsichtsrechtlichen Anforderungen entsprechen. Der Deal zeigt ein starkes Engagement beider Seiten“, sagte Florian Schoeller, CEO und Gründer der Scope Group.

„Als eine Einheit der Scope Group ist Scope Risk Solutions eine hochentwickelte, qualitativ hochwertige Kreditrisikobewertungs- und Überwachungsplattform,“ hieß es in der Pressemitteilung weiter, „die unabhängige Kreditbewertungen von Gegenparteien bereitstellt, die es der Greensill Bank ermöglichen, die regulatorischen Anforderungen an die interne Analyse und das laufende Management von Kreditengagements zu erfüllen.“

Scope argumentierte ausdrücklich mit der Rolle gegenüber der Bankenaufsicht: „Die Leistungserbringung von Scope Risk Solutions für die Greensill Bank fällt unter die aufsichtsrechtlichen Anforderungen der umfassenden Mindestanforderungen an das Risikomanagement der BaFin, die organisatorische Anforderungen an das interne Risikomanagement regeln.“ Die Verbindungen zur Finanzwirtschaft und zur Aufsicht, etwa bei den Zentralbanken, soll u.a. dadurch gezeigt werden, dass ein – in Relation zur Anzahl der Analysten – überdimensioniertes System aus Boards auf der Website zur Schau gestellt wird: Supervisory Board, Honorary Board, Board of Trustees, Advisory Board, Ambassadors Council, Management Board, die alle noch zusätzlich zu Ratingkomitees agieren.

Während in den Medien das noch bis sechs Monate vor dem Zusammenbruch bestehende Rating A- (A Minus) für die Greensill Bank im Vordergrund steht, geriet die umfassendere Verflechtung nicht nur auf den Ebenen der Gesellschafter und Organe, sondern auch mit der Greensill Group insgesamt in den Hintergrund. Diese Meldung hat Scope längst gelöscht: „Die Greensill Group bietet Betriebsmittelfinanzierungen über das gesamte Laufzeitspektrum hinweg. Die Zusammenarbeit mit Scope soll die Prozesseffizienz und Konsistenz bei der Kreditbewertung innerhalb der Greensill-Gruppe verbessern. Zu diesem Zweck bietet Scope Risk Solutions bereits der Muttergesellschaft Greensill Capital seinen Service ‚Assessments Of Credit Risk (AOCR)‘ an.“

Scope konnte dafür sorgen, dass genau die Berichtsformate für die Greensill Bank produziert werden, die diese für die schnelle Bilanzaufblähung benötigte: „Neben der analytischen Strenge der Kreditanalyse liegen die Hauptattribute der Dienstleistungen von Scope für die Greensill Bank in der Fähigkeit von Scope Risk Solution, die Berichtsformate an die Bedürfnisse des Kunden anzupassen, sowie in den kurzen Reaktionszeiten und der Fähigkeit, mehrere Anlageklassen abzudecken.“

Scope stellte klar, dass es sich hier nicht lediglich um einen Ratingauftrag handelte, der der Greensill Bank die Möglichkeit gab, mit dem aufsichtsrechtlich anzuerkennden Rating zu werben. Wie Scope in der Presseerklärung klarstellte, agierte Scope auf Basis eines umfassenden „partnership arrangement“: „Im Rahmen der Partnerschaftsvereinbarung kann die Greensill Bank Bewertungen für beliebig viele Kontrahenten anordnen. Diese werden aufgrund der jüngsten Kapitalzufuhr durch den Vision Fund von Softbank deutlich wachsen. Im Mai 2019 gab der Fonds eine Investition von 800 Mio. USD in Greensill bekannt.“ Scope hatte für das Vermögensportfolio der GAM Greensill Supply Chain Finance Fund SGSP das außerordentlich gute Rating AA(AP) bereits am 24. April 2019 erteilt.

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Einstiegsmöglichkeit China

Von Dr. Oliver Everling | 9.August 2021

„Die von der chinesischen Regierung verkündete Politik der „Double Reduction“ belastet den chinesischen Aktienmarkt und hat die Kurse sowohl an den Onshore- als auch an den Offshore-Märkten unter Druck gebracht“, sagt Stephen Li Jen, CEO von Eurizon SLJ Capital und Manager des Eurizon Fund – Bond Aggregate RMB.

Auslöser war, dass es privaten Unternehmen aus dem Bildungssektor nicht mehr erlaubt ist, Gewinne zu erzielen. Der gesamte Sektor wurde als nicht gewinnorientiert eingestuft, Börsengänge für private Nachhilfeunternehmen sind streng verboten. Mit der Politik der „Double Reduction“ wird auf eine Verringerung der Hausaufgaben der Schüler und eine Reduzierung der organisierten privaten Nachhilfe als eine Erweiterung der Drei-Kinder-Politik abgezielt, die Familien ermutigt, mehr Kinder zu bekommen, um den sozialen Druck durch die derzeit niedrige Geburtenrate zu verringern.

„Für den chinesischen Markt ist die Politik immer das größte Risiko“, betont Li Jen. Zugleich biete das aber auch die größten Chancen, wenn man die Politik richtig verstehe. „Wir sind der Meinung, dass der aggressive Ausverkauf an der Börse aufhören wird, sobald die betreffenden Unternehmen neu bewertet wurden“, so der China-Kenner weiter. Die Neujustierung der Märkte betrachtet er als „eine hervorragende Gelegenheit, in andere von der Regierung unterstützte Zukunftsbranchen einzusteigen“. Namentlich sind das Bereiche, die von der Binnenkonjunktur profitieren oder mit dem Thema Dekarbonisierung befasst sind.

Ganz generell fördere die chinesische Regierung den Onshore-Aktienmarkt für ausländische Anleger und begrüße Engagements von Investoren an den chinesischen Kapitalmärkten. So ist nach Li Jens Einschätzung die Finanzstabilität des Landes eines der politischen Ziele der chinesischen Zentralbank PBoC, so dass die Regierung eingreifen dürfte, sobald der Ausverkauf an der Börse außer Kontrolle gerät. Zudem sei die PBoC an einer stabilen Währung interessiert und würde auch aus diesem Grund bei Bedarf intervenieren, um den Renminbi zu stabilisieren.

„Für unseren Flaggschifffonds, den Eurizon Fund – Bond Aggregate RMB, ist die aktuelle Entwicklung einmal mehr ein Beweis für unsere Strategie, in der sichersten Ecke des riesigen chinesischen Anleihenmarkts zu bleiben“, erklärt Li Jen. Einerseits entwickelten sich die Anleihenrenditen sehr positiv, andererseits profitiere der Renminbi-Fonds aus zwei Gründen von den jüngsten Ereignissen. Erstens, weil Anleihen gut liefen, wenn Aktien unter Druck gerieten, und zweitens, weil der Fonds überwiegend in Anleihen chinesischer Staatsunternehmen investiert sei. Die jüngsten Ereignisse konzentrierten sich wiederum vor allem auf private Unternehmen – „und obwohl die Regierung eine ausgewogenere Entwicklung zwischen staatlichen und privaten Unternehmen fördert, sind wir der Meinung, dass staatliche Unternehmen im Allgemeinen immer noch einige Vorteile haben“, erklärt der Fondsmanager.

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Keine Milchmädchenrechnung aus der Schweiz

Von Dr. Oliver Everling | 2.August 2021

Mit Milchmädchen sind im Sinne dieses Blogbeitrags natürlich auch Milchbuben und Milchdiverse im Sinne der Fabel von Jean de La Fontaine oder der Schweizer Milchbüchleinrechnung gemeint.

„Als Bankanalyst ist man hin und her gerissen. Jedes bonitäts- und margenschwache Geschäft, das aus den Bilanzen der Banken verschwindet,“ schreiben die unabhängigen Ratingexperten von I-CV Independent Credit View AG, „ist eine Erleichterung. Was aber für Sparkassen und Genossenschaftsbanken in sektoraler Verbundenheit noch akzeptabel sein mag, ist für die meisten institutionellen Investoren kein Gewinn.“

Die Analysten gehen der Frage nach, warum deutsche Grossbanken so erpicht darauf sind, Schuldscheindarlehen für mittlere und grosse deutsche Unternehmen zu arrangieren. „Wenn Bonität und Konditionen stimmen, sollten sie dann nicht eher an einer normalen Kreditvergabe interessiert sein? Und was bedeutet der Enthusiasmus der Banken für institutionelle Investoren?“

Wer sich mit mit diesen Fragen auseinandersetzt, für den ist die Analyse aus dem Schweizer Research Unternehmen interessant.

Der kurze Bericht deckt verschiedene Aspekte ab und am Schluss bleibt es dabei: „um gute Geschäfte zu machen,
reicht es häufig schon, die schlechten Geschäfte anderen zu überlassen. Manche im deutschen Markt expandierende österreichische Regionalbank findet aber selbst diese Margen noch attraktiv. Was glauben Sie, wie unenthusiastisch wir da sind?“

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ETFs schließen Outperformance per Definition aus

Von Dr. Oliver Everling | 30.Juli 2021

Die hohe Informationseffizienz im europäischen Aktienmarkt macht es aktiven Fondsmanagern schwer, hier einen dauerhaften Wissensvorsprung zu erzielen, der ihnen Vorteile bei der Auswahl von Einzelaktien bringen könnte. So lehrt es schon die Effizienzmarkttheorie seit Jahrzehnten.

Wie die Analysen von Ratingagenturen wie Morningstar immer wieder zeigen, schneidet deshalb der Durchschnitt der Fondsmanager in der Regel langfristig nicht besser ab als der europäische Leitaktienindex EURO STOXX 50. Über den Einsatz geeigneter Risikoprämien ist aber eine langfristige und vor allem systematische und prognosefreie Outperformance gegenüber der Benchmark auch auf sehr informationseffizienten Märkten zu generieren.

„Mit dem EquityFlex erzielen wir seit über sechs Jahren einen überdurchschnittlichen Gewinn auf dem US-Aktienmarkt. Das Erfolgsrezept dahinter, die Vereinnahmung von Volatilitätsprämien, nutzen wir mit dem EuroEquityFlex jetzt für den europäischen Aktienmarkt“, sagt Carsten Hermann, Geschäftsführer FERI Trust GmbH. Der EuroEquityFlex sei damit eine Alternative zu ETFs, die eine Outperformance per Definition ausschließen und aktiv gemanagten Aktienfonds.

Basis der Investmentstrategie im EuroEquityFlex ist eine effiziente Replikation des EURO STOXX 50 durch Futures und alle Index-Einzelaktien. Das Renditeplus gegenüber dieser Benchmark wird durch die prognosefreie Vereinnahmung der Volatilitätsrisikoprämie im europäischen Aktienmarkt erreicht. „Der Faktor Volatilität ist als Risikoprämie besonders gut geeignet, denn er existiert in den allermeisten Marktphasen und zahlt daher systematisch und langfristig auf die Anlagestrategie ein“, sagt Daniel Lucke, Director Portfolio Management bei FERI und verantwortlich für die Strategien OptoFlex und EquityFlex.

Eingesetzt werden ausschließlich börsengehandelte, hochliquide EURO STOXX 50 Put-Optionen. Die systematische Portfoliokonstruktion und die Implementierung statischer Absicherungen, sorgen zudem für eine Stabilisierung der relativen Performance. So kann EuroEquityFlex bei niedrigem Tracking Error möglichst stetige Überrenditen gegenüber dem EURO STOXX 50 erzielen.

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Deutschlands teuerstes Jahr seit 2009

Von Dr. Oliver Everling | 27.Juli 2021

Deutschland hält beim Kreditsversicherer Coface die Note A3 seit dem Ausbruch der globalen Corona-Pandemie. „Es ist die bisher schlechteste Note,“ kommentiert Coface-Volkswirtin Christiane von Berg, „die Deutschland in den vergangenen 20 Jahren zugewiesen bekam.“ Die Länderrisikoeinschätzung spiegelt die Wahrscheinlichkeit von erhöhten Zahlungsausfällen in einem Land in den nächsten sechs Monaten wider.

Im Vergleich zu den letzten vier Monaten des Jahres 2020 ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in den ersten vier Monaten des Jahres 2021 teils kräftig gestiegen (+15%), stellen die Analysten in Mainz fest.  Im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres liegen die Insolvenzen noch immer 17% niedriger.

Aussagekräftig sei allerdings weniger die Anzahl der Insolvenzen, sondern vielmehr der Schaden, der dadurch verursacht wird. Das Statistische Bundesamt meldet einen Umfang der Forderungen aus Insolvenzen von fast 20 Mrd. Euro in den ersten vier Monaten des Jahres. „Das sind 88% mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres und das letzte Jahr war mit 44 Mrd. Euro schon das teuerste Jahr seit 2009. Kurzum: Es sind weiterhin wenig Insolvenzen, aber dafür große“, sagt Christiane von Berg.

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Staatliche Eingriffe – keine Kaufempfehlungen

Von Dr. Oliver Everling | 26.Juli 2021

Um ein Gegenargument gleich vorwegzunehmen: Die im folgenden beschriebenen Vorgänge sind nicht ganz vergleichbar, Äpfel darf man nicht mit Birnen verwechseln. Aber es gibt eine Ebene, auf der doch ein Vergleich möglich ist: Äpfel und Birnen gehören gleichermaßen zu den Balgäpfeln. Apfelfrüchte sind nach der Pflanzenmorphologie durch Achsengewebe umgebene Balg- oder Sammelbalgfrüchte, also Scheinfrüchte. Beispiele sind der namensgebende Apfel, die Birne, die Quitte und die Mispel, aber auch die Vogelbeere und anderes Kernobst.

Hier die „Äpfel“: „Die Europäische Zentralbank (EZB) als oberste Bankenaufseherin hat am vergangenen Freitag, den 23. Juli, den Weg für weitere Ausschüttungen durch die Aufhebung der bisherigen Ausschüttungsbeschränkungen geebnet. Diese waren während der Hochphase der Coronapandemie 2020 im Gegenzug zu weitreichenden Unterstützungsmaßnahmen wie regulatorischen Ausnahmen bei der Leverage-Quote und großzügigen Liquiditätshilfen, wie die TLTRO-III-Refinanzierungsprogramme proklamiert worden“, schreibt die DZ BANK in ihrem Research mit dem Titel „Endlich Geld von Banken: Ausschüttungsverbot endet“.

Damalige Zielsetzung war die Unterbindung des Abfließens von Eigenkapital aus den Banken. Die Finanzkraft der Banken sollte vor der damals unklaren Entwicklung der Kreditqualität nicht geschwächt werden. „Nachdem es nun geringere Unsicherheit über notleidende Kredite gibt und diese bisher, auch nach dem Auslaufen staatlicher Unterstützungsprogramme, nicht merklich angestiegen sind,“ berichtet die DZ BANK weiter, „hat die EZB den Entfall aller Ausschüttungsbeschränkungen angekündigt und ist damit anderen Bankenaufsehern wie der Federal Reserve in den USA und der Bank of England in Großbritannien gefolgt. Ab dem 4. Quartal dürfen Banken daher wieder vollumfänglich Ausschüttungen vornehmen, müssen diese aber individuell durch die EZB als oberste Bankenaufsicht genehmigen lassen.“

Die Aktien einer Bank, die keine Gewinne ausschütten darf, unterscheiden sich kaum von denen einer gemeinnützigen AG, die ebenfalls keine Dividende zahlt. Wer die Zahlung von Dividenden staatlich verbietet, nimmt Aktionären eine wesentliche Motivation zum Erwerb der Aktien.

Nun die „Birnen“: Anfang Juli warnte das Research der DZ BANK schon vor der „regulatorischen Welle“ in der Volksrepublik China, die seit der Absage des Börsengangs von Ant Financial den Internet-Sektor unter Druck setzt: „Spätestens nach dem Debakel rund um den Börsengang des Fahrdienstleisters DiDi ist die Stimmung der internationalen Anleger am Boden“, schreiben die Analysten nun mit ähnlichem Wortlaut in verschiedenen Research-Publikationen der DZ BANK. „Nun hat der chinesische Staat eine noch gravierendere Maßnahme beschlossen, die den Sektor u.E. aktuell uninvestierbar machen.“

Gemeint ist ein neues Gesetz, das tief in den chinesischen Bildungssektor eingreift und privatwirtschaftlich geführte Unternehmen dazu zwingt, sich künftig als Non-Profit Organisationen zu registrieren. „Als die Maßnahmen bekannt wurden, fielen die ADRs von zahlreichen Anbietern im Bereich Online- und Offline-Bildung (wie z.B. TAL Education und
New Oriental Education) um 70%. Die Maßnahme ist eine Enteignung/Verstaatlichung durch die Hintertür und dient zur Senkung der Ausgaben von jüngeren Familien, als Teil eines Maßnahmenpakets zur Ankurbelung des Bevölkerungswachstums, zu dem auch die neue 3-Kind-Politik gehört.“

Die Analysten legen die Gründe für die Maßnahmen der chinesischen Regierung dar. „Subventioniert wird das Ganze auf Kosten ausländischer Investoren, deren Investment nun nahezu wertlos geworden ist. Ob die Unternehmen sich selbst abwickeln müssen und Eigentümer von ADRs zumindest noch die verbleibende Nettoliquidität ausgezahlt bekommen, ist unklar. Diese Diskussion stellt dann aber u.E. insgesamt auch die ADR-Struktur infrage. Wie üblich, gibt es auch dieses Mal keine Möglichkeit für Unternehmen, sich gegen das Gesetzesvorhaben zu wehren. Viele von
ihnen haben sich per ad-Hoc Mitteilung bereiterklärt, den neuen Regeln zu folgen.“

Die Analysten der DZ BANK lassen nun ihre Griffel fallen: „Es ist uns nach diesem Vorfall nicht mehr länger möglich, chinesische Internetwerte zum ‚Kauf‘ zu empfehlen. Die Visibilität ist u.E. nicht mehr gegeben, es kann jederzeit zu noch schärferen Regeln kommen, die materiell in das Geschäftsmodell, der von uns gecoverten Unternehmen eingreifen. Diese Unsicherheit zwingt uns dazu, einen temporären Bewertungsabschlag vorzunehmen, bis wir regulatorische Klarheit haben.“

Was haben die europäische Ausschüttungssperre von Banken mit chinesischen Nachhilfeunternehmen zu tun? Es verhält sich wie mit den Äpfeln und den Birnen. Die Gemeinsamkeit liegt auf einer übergeordneten Ebene, nämlich dem ungeordneten und unverhersehbaren Eingreifen des Staates. Hier wie dort ist das größte Risiko für Anleger der Staat, der oft wenig vorausschauend die Aktienmärkte bewegt und damit das Investieren weniger attraktiv macht.

Risiko muss stets entgolten werden, Anleger wollen für das Eingehen solcher Risiken entschädigt werden oder ziehen sich ganz zurück – mit der Folge, dass so dringend benötigtes Wagniskapital ausbleibt. In Ost und West müssen die Musterknaben erst noch geboren werden, die ein gutes Beispiel für die Regulierung börsennotierter Unternehmen geben könnten.

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Moody’s warnt Hausbesitzer

Von Dr. Oliver Everling | 23.Juli 2021

Am 14. und 15. Juli 2021 haben verheerende Überschwemmungen den Süden der deutschen Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz heimgesucht und dabei tragische Verluste an Menschenleben und schwere Schäden an Wohn- und Gewerbeimmobilien sowie der allgemeinen Infrastruktur verursacht. Das Ereignis wird nach einer vorläufigen Schätzung des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) versicherte Schäden zwischen 4 und 5 Milliarden Euro verursachen.

„Wir erwarten,“ kommentieren dazu Moody’s Analysten, „dass sich die Schaden-Kosten-Quote (Schaden und Kosten in Prozent der Prämien, eine wichtige Kennzahl für den versicherungstechnischen Gewinn) 2021 von 90 % im Jahr 2021 auf 96 bis 99 % verschlechtern wird.“

Auch deutsche Hausbesitzer leiden unter einer Versicherungs-„Schutzlücke“, da viele Hausratversicherungen regenbedingte Überschwemmungen nicht abdecken. „Das Ereignis wird weithin als Folge des Klimawandels angesehen, der die Häufigkeit und Schwere extremer Wetterereignisse erhöht. Die deutsche Schaden- und Unfallversicherung hat bereits Mühe, mit der Wohngebäudeversicherung Gewinne zu erzielen, und könnte es schwierig finden, Hausbesitzer ohne signifikante Preiserhöhungen vor Klimarisiken zu schützen“, warnt Moody’s.

Teile von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verzeichneten am 14. und 15. Juli bis zu 150 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, etwa das Doppelte des langjährigen Monatsdurchschnitts, wodurch Flüsse und Bäche in besiedelte Gebiete überfluten. Auch im Süden Bayerns kam es am 17. und 18. Juli zu starken Regenfällen und Überschwemmungen, wenngleich die Schäden dort geringer ausfielen.

Moody’s: German floods will hit P&C insurers‘ profit, highlighting climate change risk.

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Probleme bei Investments trotz Boom bei Wohnimmobilien

Von Dr. Oliver Everling | 23.Juli 2021

Seit Jahren versäumt es das Bundesfinanzministerium, die Rahmenbedingungen für Investments in Wohnimmobilien zu verbessern. Im Gegenteil, es entsteht nicht genügend Wohnraum und zugleich müssen Immobilieninvestoren mit herben Verlusten rechnen.

„Wohnimmobilienmärkte boomen und trotzdem nehmen die Probleme bei Investments zu“, schreibt Finanzanalyst Stefan Loipfinger in seinen neuesten „Investmentcheck-News KW 29/2021″.

„So hat es diese Woche Exporo mit einem neuen Insolvenzantrag für das Wohnduo Rhein-Main erwischt. Die AnlegerInnen könnten mit einem blauen Auge davon kommen,“ führt er weiter aus, „da von ihren Geldern 75 Prozent noch nicht einmal an den Projektentwickler ausbezahlt wurden. Diese liegen seit über einem Jahr auf dem Treuhandkonto rum. Hoffen wir, dass der Insolvenzverwalter darauf keinen Zugriff bekommt.“

Weniger Glück haben Anlegerinnen und Anleger bei dem Funding Pankstraße 61, so seine Vermutung: „Beim Amtsgericht Charlottenburg liegt zum Emittenten Immoneo GmbH ein Insolvenzantrag. Betroffen sind drei Plattformen von CrowdDesk. Sie sammelten vor eineinhalb Jahren die gesuchten 400.000 Euro.“

„Ich könnte jetzt noch weiter machen mit Fundings,“ heißt es in seinem Newsletter, „bei denen die Rückzahlungen nicht plangemäß erfolgten. Im Forum Investmentcheck.Community entwickeln sich zunehmend Diskussionen zu einzelnen Fällen. Selbst Power-Investoren mit unzähligen Einzelinvestments scheinen enttäuscht von der Entwicklung und ziehen sich zurück.“

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Chancen für Zykliker kommen wieder

Von Dr. Oliver Everling | 20.Juli 2021

Trotz der relativen Schwäche zyklischer Aktien sieht Dr. Eduard Baitinger berechtigte Hoffnungen auf eine Trendwende für dieses Segment im Jahresverlauf. Dr. Eduard Baitinger ist seit 2015 Head of Asset Allocation in der FERI Gruppe. Er verantwortet den Bereich quantitative Asset Allocation der FERI Trust, wo er auch zahlreiche Forschungsprojekte steuert und koordiniert. In enger Abstimmung mit dem FERI-Vorstand und Chief Investment Officer, Dr. Heinz-Werner Rapp, vertritt er ferner die Anlagestrategie der FERI-Gruppe und deren Kommunikation an Mandanten und Kunden der FERI.

„Zum einen ist die Durchimpfungsquote der Bevölkerung – vor allem in den Industriestaaten – deutlich höher als vor der Corona-Welle im Herbst 2020″, argumentiert Eduard Baitinger. „Zum anderen könnte die globale Konjunktur noch für positive Überraschungen sorgen. So zeichnet sich ab, dass China die geldpolitischen Zügel in der zweiten Jahreshälfte wieder lockern könnte.“

Für die Weltwirtschaft wäre die geldpolitische Lockerung in China ein positives Signal. „Zudem erholt sich der US-Arbeitsmarkt in großen Schritten,“ zeigt Eduard Baitinger, „was auf einen deutlichen Zuwachs an neuen Jobs im Spätsommer hoffen lässt. In diesem Fall würde das neue Impulse für den konjunktursensitiven Bereich des Aktienmarktes mit sich bringen. Professionelle Anleger sollten vor diesem Hintergrund den zyklischen Aktienanteil in ihren Portfolios schwächer gewichten und auf bessere Zeitpunkte für den Einstieg warten.“

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